Dahinter liegt eine Wahrnehmungsstruktur, die Egozentrik. In einer egozentrischen Weltsicht fällt es schwer, aus der eigenen Perspektive herauszutreten. Andere Menschen und andere Lebewesen erscheinen dann als Figuren, die das Skript des eigenen Lebens bestätigen sollen. Wird dieses Erleben zum Zentrum, an dem alles gemessen wird, sprechen wir von Selbstverfangenheit. Meine Sicht, mein Bedürfnis und meine Wahrheit lassen sich dann nicht mehr durch andere Perspektiven relativieren. Der andere ist entweder Bestätigung für mein Selbstbild oder eine Bedrohung, die bekämpft werden muss.
Im Egoismus steckt außerdem ein Irrtum darüber, was das Eigene überhaupt sein kann. Wer sich als getrenntes Ich begreift, dem die Welt gegenübersteht, hat sich selbst missverstanden. Das Eigene entsteht nicht im Inneren eines abgeschlossenen Selbst. Es entfaltet sich im Kontakt: mit anderen Menschen, mit dem, was uns berührt, und mit dem, was uns braucht.
Daraus ergibt sich eine Frage an jeden, der sich für einen Egoisten hält oder dafür gehalten wird. Ein Egoist will das Beste für sich. Dann lohnt der Blick darauf, wovon sein Leben abhängt. Es sind Menschen, die ihn halten, ihm widersprechen und ihn spiegeln. Es sind Luft, Wasser, Boden und Nahrung. Wer sein eigenes Wohl ernst nimmt, müsste die anderen Menschen, die Natur und den Schutz allen Lebens mitdenken, denn er lebt davon. Der vermeintliche Egoist sorgt sich um sein Ich-Bild und verliert dabei sein tatsächliches Leben aus dem Blick. Ein wirklicher Egoist wäre in diesem Sinn weitsichtiger, als es der gewöhnliche Egoismus erlaubt.