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Egoisten sind keine wirklichen Egoisten

Warum ein wirklich guter Egoist an alles und jeden denken würde ...

12.10.2026 von Gerold Wehde

Ein gewisses Maß an Selbstbezogenheit brauchen wir. Wer herausfinden will, was ihm eigen ist, muss auf die eigenen Empfindungen, Bedürfnisse, Grenzen und Sehnsüchte hören können. Eine gesunde Form des Selbstbezugs ist der gute Kontakt zu dir und zu deinen Potenzialen.

Dieser Selbstbezug kann kippen. Egoistisches Verhalten entsteht dort, wo wir im Handeln vor allem die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Vorteile verfolgen und sie über die Anliegen anderer stellen. Beziehungen, Gemeinschaften und gemeinsame Verantwortung zählen dann nur noch, soweit sie dem eigenen Zweck dienen. Das Eigen-tliche dient in diesem Fall als Rechtfertigung für rücksichtsloses Verhalten.

Dahinter liegt eine Wahrnehmungsstruktur, die Egozentrik. In einer egozentrischen Weltsicht fällt es schwer, aus der eigenen Perspektive herauszutreten. Andere Menschen und andere Lebewesen erscheinen dann als Figuren, die das Skript des eigenen Lebens bestätigen sollen. Wird dieses Erleben zum Zentrum, an dem alles gemessen wird, sprechen wir von Selbstverfangenheit. Meine Sicht, mein Bedürfnis und meine Wahrheit lassen sich dann nicht mehr durch andere Perspektiven relativieren. Der andere ist entweder Bestätigung für mein Selbstbild oder eine Bedrohung, die bekämpft werden muss.

Im Egoismus steckt außerdem ein Irrtum darüber, was das Eigene überhaupt sein kann. Wer sich als getrenntes Ich begreift, dem die Welt gegenübersteht, hat sich selbst missverstanden. Das Eigene entsteht nicht im Inneren eines abgeschlossenen Selbst. Es entfaltet sich im Kontakt: mit anderen Menschen, mit dem, was uns berührt, und mit dem, was uns braucht.

Daraus ergibt sich eine Frage an jeden, der sich für einen Egoisten hält oder dafür gehalten wird. Ein Egoist will das Beste für sich. Dann lohnt der Blick darauf, wovon sein Leben abhängt. Es sind Menschen, die ihn halten, ihm widersprechen und ihn spiegeln. Es sind Luft, Wasser, Boden und Nahrung. Wer sein eigenes Wohl ernst nimmt, müsste die anderen Menschen, die Natur und den Schutz allen Lebens mitdenken, denn er lebt davon. Der vermeintliche Egoist sorgt sich um sein Ich-Bild und verliert dabei sein tatsächliches Leben aus dem Blick. Ein wirklicher Egoist wäre in diesem Sinn weitsichtiger, als es der gewöhnliche Egoismus erlaubt.

Drei Perspektiven nach Ken Wilber

Der Integrale Philosoph Ken Wilber unterscheidet drei Perspektiven, die sich nacheinander öffnen: die egozentrische, die ethnozentrische und die weltzentrische. Mit ihnen lässt sich beschreiben, wie das Eigene seinen Platz findet.

Egozentrisch: Zuerst entdeckst du das Eigene bei dir. Du spürst, was dir eigen ist, was du brauchst, was dich berührt und was durch dich lebendig werden will. Ohne diesen ersten Selbstbezug bleibt das Eigen-tliche unklar.

Ethnozentrisch: Damit das Eigene nicht in sich selbst steckenbleibt, braucht es den nahen Raum von Beziehung, Familie, Freundschaft, Gemeinschaft, Arbeit und Zugehörigkeit. Dort wird es gespiegelt, geprüft, begrenzt und verfeinert. Hier zeigt sich, ob es beziehungs- und anschlussfähig ist.

Weltzentrisch: Der Kreis öffnet sich noch weiter. Das Eigene fragt dann auch danach, was die Welt braucht. Aus “Was will durch mich in die Welt?” wird die Frage: “In welchen Dienst kann ich mein Eigen-tliches stellen?”

Das Eigene will erkannt werden. Es will aber auch in Beziehung treten und dem Leben als Ganzem dienen.

Zum Ausprobieren

Such dir einen liebgewonnenen Anteil deiner Persönlichkeit aus und schau ihn dir auf diesen drei Ebenen an:

  • Wie nimmst du diesen Anteil selbst wahr? Wozu dient er dir? Was ist das Gute daran, was die Herausforderung?
  • Wie kann dieser Teil auch in deinem Umfeld eine positive Wirkung entfalten? Was wäre neu in deinen Beziehungen, wenn er dort hineinwirkt?
  • Wie würde sich die Welt wandeln, wenn du diesen Aspekt deiner Persönlichkeit in sie hinein verschenken würdest?

 

Der Gedanke stammt aus meinem Buch “EIGEN-TLICH – Wer bist du wirklich?”.

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