Wie Trennung gelingt

Teil 1

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Über die Zutaten einer erfüllenden Partnerschaft ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Und es ist unbestritten, dass es eine hohe Kunst ist, langjährige und lebendige Beziehungen zu führen.

Und manchmal scheint es so, als ob es immer der bessere Weg wäre, zusammen zu bleiben. Vielleicht liegt das daran, dass Trennung so ein schwieriges Thema ist und es nur wenig praktische Hilfestellungen gibt, wie eine Trennung gelingen kann. Und genau dazu möchte ich heute etwas beitragen.

Unabgeschlossene Trennungsprozesse

Trennungen können viel offensichtliches oder subtiles Leid verursachen. Das hat jeder schon erlebt oder beobachtet. Als erste Orientierung möchte ich zwei Arten misslingender Trennungen unterscheiden.

Die eine zeigt sich in nicht enden wollenden Konflikten, die damit einhergehen, dass man über sehr lange Zeit im realen Kontakt oder in Gedanken mit der unabgeschlossenen Beziehung beschäftigt ist. In diesem Fall ist das Leiden offensichtlich.

Die andere, subtilere Form der misslungenen Trennung ist an der Oberfläche fast symptomfrei, also scheinbar abgeschlossen: Man versteht sich gut, aber wegen der verbleibenden innerpsychischen Bindung an den Ex-Partner findet keine Entwicklung in eine neue freudvolle Beziehungswirklichkeit statt. In diesem Fall besteht das Leid in einem fehlenden Aufbruch.

Misslungene Trennungen, also unabgeschlossene Trennungsprozesse, sind Situationen, in denen zumindest einer der Partner sich in der Ambivalenz zwischen „Noch-in-Beziehung-sein“ und „Wirklich-getrennt-sein“ eingerichtet hat. Für die Anbahnung und Gestaltung einer neuen Partnerschaft ist das ein sehr ungünstiger Zustand. Man könnte sagen, dass der Platz für einen möglichen neuen Partner noch nicht wirklich frei ist.

Ich möchte Ihnen in diesem und dem folgenden Artikel konkrete Möglichkeiten erläutern, die Ihnen bei folgenden Anliegen helfen können:

  • Chronische Konflikte mit dem Ex-Partner durch neues eigenes Verhalten zu befrieden
  • Eine Trennungsentscheidung zu überprüfen
  • Eine Trennung in Liebe vorzubereiten
  • Eine innerlich unabgeschlossene Trennung vollständig zu vollziehen

Trennungen haben einen schlechten Ruf

Schon der Wunsch nach Trennung einer langjährigen Partnerschaft hat den Beigeschmack von einem Scheitern der Liebe, von Schuld und Verrat. Dem Umgang mit Schuldgefühlen im Trennungsprozess könnte man ohne Zweifel ein eigenes Kapitel widmen. Weil der Umgang mit Schuldgefühlen aber über Selbstreflexion nur schwer zu verändern ist, sei an dieser Stelle nur angemerkt, dass offene Schuldzuweisungen oder heimliche Schuldgefühle fast immer zu den schwierigen Begleiterscheinungen eines Trennungsprozesses gehören. Manchmal wird sie endlos hin- und her geschoben, nur um nicht die volle Verantwortung für eine Trennungsentscheidung zu spüren und zu tragen.

Vielleicht ist es eine wenig anerkannte Kompetenz, für schwierige Entscheidungen die ganze Verantwortung zu übernehmen und sich in diesem Sinne auch vordergründig an einem anderen schuldig machen zu können – und gleichzeitig die eigene Integrität und Würde zu bewahren.

Es gibt gute Trennungen

Selten hört man jemanden sagen, dass eine Trennung eine gute Entscheidung ist – auch wenn man niemals weiß, wie es gekommen wäre, wenn man sich nicht getrennt hätte. Aber manchmal sind Trennungen der (einzige?) Weg in einen neuen, frischen Lebensabschnitt.

Damit sei aber nicht gesagt, dass Trennungsprozesse einfach, leicht oder schmerzfrei wären. Ganz im Gegenteil: zur Beendigung der allermeisten, bedeutsamen Beziehungen gehören Schmerz, Enttäuschung, Tränen und Trauer dazu. Und eine so weitreichende Entscheidung braucht ihre Zeit.

Manch einer wird sofort an Trennungen von Paaren mit gemeinsamen Kindern denken. Doch auch in solchen Fällen kann eine Trennung eine gute Lösung sein. Denn wer würde Kindern Eltern wünschen, die zerknirscht eine Familie stabilisieren und die Wahrheit ihres eigenen Lebens verdrängen. Was würden Kinder in solchen Familien für ihr eigenes Leben lernen?

Es gibt viel zu lernen

In den folgenden Abschnitten möchte ich Ihnen erläutern, welche Überlegungen und Schritte im Vorfeld einer Trennung helfen können, sich innere Klarheit zu verschaffen und welche Fragen im akuten Trennungsprozess beantwortet werden sollten, damit man von einer gelungenen Trennung sprechen kann. Dabei orientiere ich mich an Elementen, die sich in der professionellen Begleitung von Trennungsprozessen als hilfreich erwiesen haben.

Die einzelnen Schritte bauen aufeinander auf und ihre Abfolge folgt einer inneren Logik. Dennoch sind sie nicht immer alle gleichermaßen wirksam und manchmal führt schon die aufrichtige Beschäftigung mit einem Punkt zu positiven persönlichen Veränderungen – oder eine andere Abfolge erweist sich als sinnvoll.

Jetzt komme ich zu den einzelnen Schritten. Die ersten drei werde ich in diesem Newsletter erläutern; die fünf weiteren dann im nächsten.

1.    Wertschätzen, was gewesen ist

Wer sich in einem Trennungsprozess befindet oder über die Trennung aus einer langjährigen Partnerschaft nachdenkt, ist häufig mit den schwierigen Aspekten der Beziehung beschäftigt. Das liegt in der Natur der Sache. Die Gedanken, die man sich so ganz für sich alleine macht, neigen dazu, sich in den schwierigen Themen fest zu fräsen – und das innere Bild des Partners (Partner-Introjekt) wird wahrscheinlich mit jeder weiteren Gedankenschleife negativer. Lässt man diesem inneren Prozess freien Lauf, programmiert man in gewisser Weise schon eine Trennung, die auf Abgrenzung und Konflikt basiert.

Deshalb schlage ich vor, zu einem möglichst frühen Zeitpunkt auf eine wertschätzende Perspektive umzuschwenken. Manche Menschen lassen keine positiven Gedanken zu, weil sie unbewusst glauben, dass sie die Partnerschaft schlecht machen müssen, um „das Recht“ zu haben, sich zu trennen.

Ich empfehle Ihnen also in einem ersten Schritt, sich mit den folgenden Fragen zu beschäftigen und sich – ohne es mit irgendwelchen Konsequenzen in Verbindung zu bringen – für die eigenen ehrlichen Antworten zu öffnen.

  • Was war gut und wertvoll an dieser Partnerschaft?
  • Was habe ich früher einmal an diesem Menschen geliebt?
  • Wofür haben wir uns am Anfang zusammen getan?
  • Wofür bin ich dankbar, wenn ich an unseren gemeinsamen Weg denke?
  • Was hat mein Partner mir ermöglicht? Was hätte ich ohne ihn vielleicht niemals getan?

Es gehört zu den Grundprinzipien der Integralis® Methode, Veränderungsprozesse mit der Wertschätzung der vorausgegangenen Entwicklungen zu beginnen. Nichts in der eigenen Biografie ist nur schlecht gewesen und gerade in Beziehungen hat wahrscheinlich lange Zeit jeder sein Bestes gegeben. Darüber sollte man nicht hinweg galoppieren.

Wenn man sich von seiner Vergangenheit mit negativen Gefühlen abwendet oder gar abstößt, dann bleibt das eigene Bewusstsein in gewisser Weise verengt und angespannt, weil bestimmte Dinge „nicht wieder passieren sollen oder dürfen“. Je mehr Versöhnung mit der eigenen Geschichte stattfindet, desto entspannter schaut man in die Zukunft und desto eher fällt der Blick auf neue und erfüllende Entwicklungschancen.

„An dem, was man von sich wegschiebt,
hat man noch die Hand dran.“

2.    Verstehen, was ist

Auf den Schritt der Wertschätzung folgt das Verstehen der Entwicklungsgeschichte der aktuellen Schwierigkeiten. Dafür gibt es  verschiedene Möglichkeiten. Eine besteht darin, sich den ursprünglichen Beziehungsvertrag bewusst zu machen und zu prüfen, ob man ihn heute noch unterschreiben würde.

Der Beziehungsvertrag

Unter dem Beziehungsvertrag versteht man das, was die Partner am Beginn der Beziehung miteinander vereinbart haben, wahrscheinlich ohne dass sie jemals darüber ausdrücklich gesprochen haben. Der Beziehungsvertrag beinhaltet Vereinbarungen zu  vielen Themenbereichen, die sich normalerweise hinter den schönen Gefühlen einer beginnenden Beziehung verbergen. Warum sollte man auch darüber sprechen, wo die Vereinbarungen doch so viel von dem besagen, was am Anfang so gut zusammen passte?

Ein Beispiel für einen Beziehungsvertrag ist es, dass der eine Partner durch seine soziale Stellung dem anderen eine angesehene Position in der Gesellschaft ermöglicht. An seiner Seite. Als Gegenleistung wird ersterer vielleicht für seine Art, für seine Leistungen oder einfach für sein Sosein bewundert. Das kann eine Weile sehr gut funktionieren und daran ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil, man darf auch noch einmal wertschätzend darauf schauen, was dieser Vertrag in der Vergangenheit ermöglicht hat! Das Problem liegt darin, dass er den Beziehungspartnern nicht bewusst gewesen ist und man deshalb nicht die Möglichkeit hatte, ihn rechtzeitig zu thematisieren und u.U. gemeinsam zu verändern.

Ein anderes Beispiel: Der eine Partner liebt die Spontanität und Lebensfreude des anderen und denkt: Du machst mich und mein Leben aufregend und lebendig. Der andere genießt die Ruhe und Stabilität des Partners usw.. So kann es beginnen.

Aber Beziehungen verändern sich, weil Menschen sich entwickeln und dann andere Wünsche und Ziele haben. Manchmal möchte jemand mehr Dinge ohne den Partner unternehmen; der andere fühlt sich aber verlassen oder gar betrogen, weil im ursprünglichen Beziehungsvertrag stand, dass man alles Schöne und Neue zusammen entdeckt und erlebt. Der alte Vertrag passt nicht mehr und müsste besprochen und verändert werden.

Die Metapher „Beziehungsvertrag“ ist eine Möglichkeit über die eigene Beziehung nachzudenken und die unausgesprochen Erwartungen an die Beziehung herauszuarbeiten.

Polaritäten, die Beziehungspartner auseinander treiben

Ein anderer Zugang zur Analyse der Beziehungsdynamik ist der Blick auf die Konfliktfelder der Paarkommunikation. Sehr häufig streiten Paare über polare Werte wie z.B. „mehr Nähe und Zweisamkeit“ oder „mehr Freiheit, mehr Abenteuer“  oder „mehr Abenteuer, mehr Geld für Schönes ausgeben“ oder „mehr Sicherheit und Altersvorsorge“. Die Liste ließe sich leicht fortsetzen.

Aus meiner Erfahrung in der Paarberatung kann ich sagen, dass es sehr häufig so ist, dass sich solche Polarisierungen im Laufe einer Beziehung eher verstärken: je mehr Nähe und Geborgenheit der eine will, desto mehr Freiheit und Eigenständigkeit will der andere. Die Wünsche des einen bedrohen die Bedürfnisse des anderen.

Beziehungen ranken sich um solche Polaritäten und der Blick für das Schöne im Wunsch des anderen kann verloren gehen. Wer diesen Text liest, könnte in seiner Partnerschaft damit beginnen sich zu fragen, wo man dem eigenen Partner etwas mehr entgegen kommen könnte als bisher. Und ob das eine Entwicklungschance für die eigene Persönlichkeit sein könnte.

Das kann nämlich eine Lösung sein: die Schätze in den Wünschen des anderen wahrzunehmen, ein wenig über den eigenen Schatten zu springen und – für eine begrenzte Zeit – sich in die Welt des anderen (ver-)führen zu lassen und das miteinander zu tun, was für den anderen schön und erfüllend ist. Und sich dabei mit Gefühlen anzufreunden, die man bisher vielleicht eher vermieden hat. Vieles ist lernbar: Eigenständigkeit und Alleinsein genauso wie intensive Nähe, Loslassen und Hingabe.

Und was man davon hat? Dass man sich nicht mehr verteidigen oder zurückziehen muss, sich nicht mehr eng und gelähmt fühlt und wieder einen gesunden Einfluss auf die Beziehungsgestaltung bekommt.

3.    Erkennen, wovon man sich trennt

Der Schweizer Psychotherapeut Peter Schellenbaum hat über die Unterscheidung zwischen einer großen und einer kleinen Trennung gesprochen. Er möchte darauf hinweisen, dass man sich in der Regel von jemandem trennen möchte, weil man ein bestimmtes Verhalten des anderen nicht mehr ertragen kann oder will.

Die große Trennung ist die Trennung von einem Menschen; die kleine Trennung ist die Trennung vom Verhalten eines Menschen. Wenn es gelingt, das Verhalten zu benennen, von dem ich mich trennen möchte, kann man noch einmal neu überlegen, ob es Wege gibt, die Situation durch ein anderes eigenes Verhalten zu verändern.

Habe ich vielleicht sogar selbst etwas zu lernen? Mich zu wehren, besser Grenzen zu setzen oder klarer zu sagen, wer ich wirklich bin und was ich wirklich will? Und könnte es sein, dass dann die schwierige Beziehungssituation noch mal eine andere Bedeutung bekommt?

Und dennoch kann die Trennung meine Lösung sein. Vielleicht sage ich mir, dass ich nichts zu lernen habe oder etwas nicht lernen will. Oder ich frage mich, ob ich das, was ich zu lernen habe mit diesem Partner oder lieber mit einem neuen Partner lernen möchte.  Dabei ist es unstrittig, dass es leichter ist, mit einem neuen Partner eigene Gewohnheiten zu verändern und mit neuem Verhalten zu experimentieren als im gewohnten Umfeld. Aber noch sind wir mit dem Verstehen und Erkennen beschäftigt und nicht an dem Punkt, wo es darum geht, eine Entscheidung zu treffen.

Den zweiten und letzten Teil dieses Artikels lesen Sie im nächsten Newsletter.

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Stephan W. Ludwig:
Telefon: 04543-891542
E-Mail: ludwig@integralis-akademie.de

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Co-Kreation

Beziehung als Liebe zum Leben

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Einleitung

In diesem Artikel erläutere ich die letzte Phase des fünfstufigen Beziehungsentwicklungsmodells und erläutere in einem kurzen Nachwort den konkreten Nutzen des vorgestellten Modells. Die folgende Graphik zeigt Ihnen noch einmal alle fünf Phasen mit den dazugehörigen Schüsselbegriffen und Entwicklungsaufgaben in der Übersicht.
 
Holonisches Beziehungsentwicklungsmodell

In den vorangegangenen Akademie-Newslettern habe ich die ersten vier Phasen beschrieben, in denen sich – wie es meistens im Beziehungsalltag auch der Fall ist – die Beziehungspartner sich mit sich selbst und mit der erfüllenden Gestaltung ihrer Beziehung beschäftigen.

Die fünfte Phase öffnet den Blick auf transpersonale, also das System „Beziehung“ überschreitende Aspekte. Sie beschreibt, wie Beziehungspartner sich der Rolle ihrer Partnerschaft in der Welt bewusst werden und sich über die Beschäftigung mit sich selbst und mit ihrer Beziehung hinausentwickeln. 

Das folgende  Zitat von Martin Buber kann wie ein Appel zur Selbsttranszendenz gelesen werden:

„Bei sich beginnen, aber nicht bei sich enden,

von sich ausgehen, aber nicht auf sich abzielen,

sich erfassen, aber nicht sich mit sich befassen.“

Martin Buber in: Der Weg des Menschen

Ich meine, dass sich genau dieser Reifungsschritt ins Transpersonale auch in den Entwicklungsbewegungen mancher Liebesbeziehungen und Partnerschaften erkennen lässt.

Die Schlüsselfrage, die wie ein Scheinwerfer in die transpersonalen Ebenen einer Paarbeziehung hineinleuchtet, lautet: „Was hat die Welt davon, dass wir ein Paar sind?“

Was hat die Welt davon, dass wir ein Paar sind?

Diese Frage weitet den Fokus der Betrachtung auf die Mitwelt, also auf den Raum, die Dinge und die Menschen, die die Welt  ausmachen, in der wir Beziehung gestalten.

Zuerst können wir fragen, ob wir denn verpflichtet sind, dafür zu sorgen, dass „die Welt“ etwas von unserer Beziehung hat. Da wir als Einzelpersonen und als Beziehungssystem Teil der Welt sind, in der wir leben, hat die Welt immer etwas davon, wie wir leben und wie wir unsere Partnerschaften und Liebesbeziehungen gestalten. Um ein alltägliches Beispiel zu nehmen: Es macht einen Unterschied in der Welt, ob wir lächelnd einkaufen gehen oder grimmig und ob wir als Paar offen und freundlich miteinander sprechen, wenn wir durch die Stadt gehen oder gesenkten Hauptes schweigend nebeneinander her trotten.

Insofern kann man sagen, dass es eher um die Frage geht, ob es uns bewusst ist, dass wir in allem, was wir tun und was wir lassen, eine Wirkung in der Welt haben und ob wir bereit und willens sind, die Spuren, die wir – als Mensch und als Paar – in der Welt hinterlassen, bewusst zu gestalten.

Die fünfte  Phase kann man auch als Vorschlag verstehen, diese Herausforderung anzunehmen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die gemeinsame Beschäftigung mit den existenziellen und transpersonalen Ebenen des Lebens sich positiv auf die personalen Beziehungsebenen auswirken kann. 

Das Transpersonale

Die transpersonalen Bewusstseinsebenen kann man über die innere Haltung beschreiben, mit der ein Mensch – oder zwei Menschen, wenn wir von einer Partnerschaft sprechen – in der Welt ist.

Die innere Haltung eines Menschen, dessen Bewusstsein in transpersonalen Ebenen beheimatet ist, ist von einer grundlegenden Dankbarkeit gekennzeichnet und häufig empfindet er den Wunsch, dem Leben etwas zurückzugeben.

Während wir im personalen Bewusstsein häufig mit dem beschäftigt sind, was in unserem Leben noch fehlt, z.B. Geld, Sicherheit, Liebe, Sex, Erfolg, Gesundheit u.a.m., breitet sich im transpersonalen Bewusstsein fast zellulär die  Gewissheit aus, dass ein gutes, glückliches Leben nicht davon abhängig ist, ob der eine oder andere Wunsch erfüllt oder unerfüllt ist. Auf diesem Boden wachsen das Gefühl existenzieller Dankbarkeit und eine damit verbundene Liebe zum Leben. Mehr und mehr erleben wir jeden Moment als Geschenk; mehr und mehr verspüren wir den Wunsch unsere Mitwelt zu beschenken. Auf einer ersten Ebene, die Menschen zu beschenken, die man liebt und auf einer tieferen Ebene, dazu beizutragen, „die Welt ein bisschen schöner und liebevoller zu machen“.
David Steindl-Rast hat einmal gefragt – ich zitiere das aus der Erinnerung –, ob  man wohl zuerst glücklich sein muss, um dann dafür dankbar zu sein oder  – ganz anders herum – ob gerade die innere Haltung der Dankbarkeit dazu führt, dass man sein Leben als „geglückt“ erlebt?

Im Rahmen des integralen Entwicklungsmodells entzieht sich die Antwort dem Entweder-oder zugunsten ein eines Sowohl-als auch. Je nach dem, auf welcher Bewusstseinsstufe man die Welt gerade erlebt: Manchmal ist man mehr damit beschäftigt, die Umstände für ein glückliches Leben herbei zu gestalten oder herbei zu manipulieren und manchmal erleben wir die natürliche Fülle und die Schönheit des Lebens unmittelbar. Erfolgreiche integrale Bewusstseinsentwicklung erkennt man auch daran, dass Letzteres häufiger vorkommt.

Co-Kreation: Das gemeinsame Wirken in der Welt

Den konkreten Ausdruck des Transpersonalen in Bezug auf die Beziehungsgestaltung können wir als Co-Kreation bezeichnen: Das Paar wirkt auf der Grundlage der gemeinsamen Geschichte und mit der Fähigkeit zur tiefen Bezogenheit in die Welt. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob dieses Wirken im materiellen Sinne groß oder klein ist.

Das gemeinsame Pflegen eines ökologischen Gartens, in dem viele Tiere einen Lebensraum finden und in dem die Freunde des Hauses schöne Stunden genießen können, ist genauso wichtig und bedeutsam wie die Gründung einer Stiftung für einen guten Zweck.
Letztendlich ist es nicht einmal notwendig, dass dieses Wirken in der Welt überhaupt materieller Natur ist. Eine gemeinsam kultivierte innere Haltung als fruchtbarer Boden für die Gesten der Liebe und eine tägliche Wiederverzauberung der Welt durch beseelte, resonante Begegnungen sind allemal eine wertvolle Art, die Einladungen fünften Phase angemessen anzunehmen.
Auf der fünften Stufe, die im Sinne holonischer Entwicklung alle vorangegangen beinhaltet und würdigt, wird Beziehung zu einer gefestigten, inneren Haltung der liebevollen Verbundenheit mit allem und mit jedem Menschen, der mir begegnet. Eine solche Haltung transzendiert die Liebe zu einer bestimmten Person zugunsten einer Liebe zum Leben, zu einem Leben, das leben will und das sich genauso entfaltet wie es in jedem Moment geschieht. 

Und diese große, umfassende Liebe zum Leben ist nicht apersonal, sondern umarmt und beinhaltet die Liebe zu einer oder mehreren bestimmten Personen, so als wären sie naheliegende Knotenpunkte in einem großen Netz der Liebe.

Braucht es immer ein  gemeinsames Projekt?

In der Beratungspraxis werde ich oft gefragt, ob es in dieser Phase immer ein gemeinsames Projekt braucht. Ich glaube das nicht, sondern denke, dass es genauso erfüllend sein kann, wenn jeder seine Initiative verfolgt. Entscheidend aber ist, wie darüber gesprochen wird und ob der jeweils andere es schafft, mit dem, was der eine tut, auf eine tiefe Weise innerlich verbunden zu bleiben.  
Kinder – das Urbild der Co-Kreation

Bei dem Begriff der Co-Kreation denken wir natürlich auch spontan an eigene Kinder, die in unserer Liebe aufwachsen und dann dank unserer liebevollen Zuwendung auf ihre Weise „die Welt ein bisschen schöner machen“. Vielleicht ist der Zeugungsakt sogar das Urbild der Co-Kreation.

Aber steht das nicht am Anfang einer Beziehungsgeschichte? Wir wissen alle, dass das so sein kann: ein Kind als eine lebendige Co-Kreation, die – mit oder ohne Paradiesphase – ganz am Anfang einer Beziehung stehen kann.
Wir lernen daraus, dass lebendige Entwicklungsprozesse eine unordentliche Angelegenheit sind und sie sich nicht an Modelle halten. Auch nicht an dieses. Was man wirklich von diesem Modell erwarten kann, möchte ich in meinem Nachwort erläutern.

Nachwort: Der konkrete Nutzen des Modells

Wir leben in einer Zeit, in der wir das, was Beziehung und Partnerschaft in unserem Leben sein soll, in großer Freiheit selbst definieren können – und müssen. Das ist herausfordernd und für viele Menschen überfordernd.

Solange sich Beziehungen in einem strengen Verhaltenscodex entfaltet haben, war das Leben in gewisser Weise für die  Mehrzahl der Menschen einfacher und sicherer. Für die, die die Regeln nicht gebrochen haben. Und ganz bewusst sage ich nicht glücklicher.
Jetzt dürfen und müssen wir unser Beziehungsleben individuell erfinden: Sagen was wir uns wünschen und dann experimentieren und mit den eigenen Zweifeln kämpfen. Diese Freiheit zwingt uns, uns in neuer Weise mit Beziehungsleben zu beschäftigen. Dialog und Kurskorrekturen sind unumgänglich.

Besser verstehen und besprechen können

Dieses Modell ruft uns bestimmte Schlüsselmotive in Erinnerung, die in jeder  Beziehung eine mehr oder minder große Rolle spielen. Und es sind Motive, die  Entwicklungssprünge beider Partner notwendig machen, um wieder in ein erfülltes Beziehungsleben mit einer Portion neuer Herausforderungen zu ermöglichen.

Das vorgestellte Beziehungsentwicklungsmodell hilft uns, Beziehungsdynamik besser zu verstehen, eine gemeinsame Sprache für bestimmte Phänomene zu finden und gegebenenfalls hochwertigere Lösungen für das eigene Leben zu finden.

Lebendige Entwicklung ist ein unordentliches Geschehen

Wer nun aber glaubt, dass das Beziehungsglück durch die genaue Orientierung an dieser Landkarte gelingen würde, befindet sich meiner Meinung nach auf dem Holzweg. Modelle haben die Eigenschaft, eine Ordnung zu suggerieren, eben weil man sie sich ausdenkt, um etwas zu ordnen.

Lebendige Entwicklung ist aber eher ein unordentlicher und vielschichtiger Vorgang. Das sei an einigen Beispielen verdeutlicht. Eine Beziehung kann natürlich ohne Paradiesphase beginnen. Vielleicht damit, dass man „ein gutes Team“ ist (Phase 2).  Und dann kann man auch ein Kind bekommen (Phase 5), ohne eine „entwicklungsorientierte Beziehung“ (Phase 4) daraus zu machen. Ja, man kann auch einfach so ein Kind bekommen - und vielleicht werden dann die inneren Ebenen des Modells zu Aufgaben, die im Nachgang oder sogar zeitgleich angeschaut und gelöst werden wollen.

Ein Raum mit vielen Türen

Also stellen wir uns dieses Modell, das ohne Zweifel eine innere Logik hat, am besten als einen Raum mit vielen Türen vor, durch die das Leben hinein und wieder strömen kann. Es hat einen Nutzen für Berater, die - wie die Integralis Berater - auf Beziehungsfragen und Paardynamik spezialisiert sind. Es kann eine Brücke zu einer Schnelldiagnose sein, die mit Sondierungsfragen abgesichert werden muss und in der Folge dialogisch vertieft werden kann. Ebenso können Paare davon profitieren, in dem sie ihre eigene Beziehung anhand des Modells reflektieren und im Dialog ihre weiteren Schritte entwickeln.

Dazu lade ich Sie ein.

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Stephan W. Ludwig:
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Co-Evolution

Phase bezogener Entwicklung

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

In diesem Artikel erläutere ich die Chancen und Schwierigkeiten der vierten Phase des Beziehungsentwicklungsmodells. In der folgenden Graphik sehen Sie alle fünf Phasen in holonischer Anordnung; die konzentrischen Kreise stellen die Entwicklungsphasen dar. 

Holonisches Beziehungsentwicklungsmodell


„Holonisch“ bedeutet, dass die jeweils umfassendere Entwicklungsstufe einerseits über die weiter innen liegenden Stufen hinausgeht und gleichzeitig die Qualitäten der vorangehenden Stufen bewahrt. Die Pfeile verdeutlichen, dass die Entwicklungsrichtung des „Sich-neu-erschließens“ (von innen nach außen) immer mit der Integrationsbewegung (von außen nach innen) zusammengedacht wird.

Zusammenfassung der Phasen eins bis drei
Die ersten drei Phasen, die ich in den vorausgegangenen Newslettern ausführlich beschrieben habe, fasse ich für Sie an dieser Stellen noch einmal kurz zusammen. Wenn Sie mit damit schon vertraut sind, können Sie diesen Abschnitt auch überspringen.

In der Paradiesphase (1) geht es unter anderem auch darum, die Süße dieser Phase dankbar und in vollen Zügen zu genießen und sich gleichzeitig der Vergänglichkeit dieser häufig als Idealzustand wahrgenommenen Phase bewusst zu bleiben.

In der Phase der Grenzklärungen (2) besteht die Aufgaben darin, die Konflikthaftigkeit der Auseinandersetzungen als Teil der Liebe zu anzunehmen und die damit einher gehenden Gespräche konstruktiv zu gestalten. Der Sinn dieser Phase liegt in der Emanzipation aus den starken Bindungs- und ggfs. auch Abhängigkeitsmustern, die in der Paradiesphase ihre Lichtseite entfalten.  Im Idealfall gelingt es, dass die Unterschiedlichkeiten der Beziehungspartner aufleuchten können, ohne die Einheitserfahrungen der Paradiesphase aus dem gemeinsamen Leben zu verdrängen.

Mit dem Jawort (3) drücken wir unsere Bereitschaft aus, den anderen so nehmen und zu lieben, wie er oder sie wirklich ist und nicht wie wir ihn gerne hätten. Auf dieser Basis kann es einer Einigung über die Rahmenbedingungen für einen gemeinsam gewollten Lebensweg kommen. Während es in der zweiten, der Grenzklärungsphase, ab einem bestimmten persönlichen Belastungsgrad häufig dazu kommt, dass offen oder verdeckt mit Beziehungsabbruch gedroht wird, bedeutet das Jawort den Verzicht auf diese Option. Das mag im ersten Moment wie der Verlust von Freiheitsgraden scheinen, setzt in der gelebten Beziehungswirklichkeit aber in aller Regel zunächst einmal vorher gebundene Energie frei.

Co-Evolution – mehr Hingabe und weniger Ringen
Das Ja-Wort ist das stabile Fundament für eine dynamische und angstfreie Entwicklung. Die freigewordene Energie kann jetzt wieder für die eigene und die gemeinsame Gestaltung der Lebensumstände genutzt werden.
Einerseits gewinnt man an Klarheit und Kraft; anderseits handelt man sich neue Herausforderungen auf höherem Niveau ein. Denn Co-Evolution bedeutet, dass alles, was durch mich oder durch den anderen in der Beziehung aktualisiert wird, die gemeinsame Hinwendung beider Partner verdient. Auch wenn es wie das Thema des anderen aussieht.

Während man in Phase zwei noch darum ringt, das Eigene und das Fremde zu sortieren – und das ist in der zweiten Phase ein sinnvoller Vorgang – ist jetzt alles „meins“, was in der Partnerschaft geschieht. Kurz gesagt: mehr Hingabe und weniger Ringen.

Bezogene Individuation
An dieser Stelle hört man oft die bange Frage, ob man denn in dieser Beziehungsphase noch das Eigene leben könnte. Natürlich kann man das! Beziehung heißt niemals, sich den Erwartungen des anderen einfach anzupassen oder unterzuordnen. Beziehung heißt, die Erwartungen des anderen zu hören und zu achten und einzubeziehen.
Es sei daran erinnert, dass das Holon der Co-Evolution alle vorangehenden umfasst. D.h. ich bin die Partnerschaft und es gibt Situationen, in denen ich mich trotzdem für eine Lösung entscheiden kann, in dem ich vorrangig meinem eigenen Lebensimpuls folge.
Den Unterschied macht die innere Haltung aus. In der Phase der Co-Evolution gibt es nichts beweisen oder zu verteidigen oder zu bekämpfen; Entscheidungen entstehen in und aus dem Dialog und dem Gefühl der Verbundenheit.

Insofern ist diese Phase nicht mit immerwährender Harmonie zu verwechseln, sondern soll als eine anspruchsvolle Form „bezogenen Individuation“ (Helm Stierlin) verstanden werden. Denn immer noch entscheidet sich einer von beiden mehr für „Seins“ und weniger für „Unseres“. Co-Evolution bedeutet dann, das genau in dem Maße zu tun, wie man dem Schmerz des anderen mitfühlend ins Auge blicken kann.

Ins Boot des anderen gehen
Auf der anderen Seite gehört es meiner Meinung nach zu den Verpflichtungen und den Chancen des Jaworts, immer wieder der Einladung des anderen zu folgen, etwas zu tun, was man freiwillig vielleicht nie getan hätte. Und was man doch – wenn auch nicht wissender Weise – in und mit dem anderen Menschen gewählt hat. Es macht doch keinen Sinn, einen Menschen zu lieben und nicht zu nehmen, was er oder sie ist und in die Beziehung mitbringt. Jedenfalls nicht im Rahmen der vierten Phase.

Polaritäten transformieren
Wir sehen, dass weder die Phase der Co-Evolution noch irgendeine andere Phase die Lösung aller Probleme ist. Aber sie kann den Umgang mit den Schwierigkeiten verändern und das ist meiner Meinung nach sehr bedeutsam.
Die Phase der Co-Evolution ermöglicht den Beteiligten eine höherwertige und liebevollere Auseinandersetzung mit Polaritäten, wie z.B. dem niemals dauerhaft lösbaren Doppelwunsch nach Freiheit und Nähe, nach Ich und Wir. 

Nach meiner Beobachtung neigen Beziehungsverläufe immer wieder dazu, sich konflikthaft um scheinbar polare Bedürfnisse zu organisieren. Um in dem Beispiel zu bleiben: Der eine will mehr Nähe und mehr Zweisamkeit, der andere mehr alleine unterwegs sein. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Lösungswege im Rahmen der co-evolutionären Phase haben nicht die Struktur einer Verhandlung oder einer logisch-strategischen Lösung. Das wäre in der zweiten Phase angemessen. In der vierten Phase geht es darum, die Pole in einen dialogischen Kontakt zu bringen und in der Intensität des Miteinanders eine Quantensprung-Lösung (Emergenz) zu ermöglichen.

Die  Analogie sei erlaubt: So wie im Zeugungsakt ja nicht der neugeborene Mensch als Addition der Eltern entsteht, sondern trotz aller Teilerklärungen, die die Wissenschaft gefunden hat, immer noch ein Wunder bleibt, dass aus der Intensität der Begegnung zweier Menschen entsteht, so können auch im zwischenmenschlichen Bereich Entwicklungsschritte die Form einer Geburt annehmen: und etwas unvorhersehbares Neues Wirklichkeit werden lassen.  

Sich von Wesen zu Wesen begegnen
In jeder Phase kann es zu einer Wesensbegegnung kommen. Zu einer Begegnung, in der wir den anderen in dem erkennen, was Gott mit ihm gemeint hat (frei nach Dostojewski).
Da das persönliche Ringen in der vierten Phase in den Hintergrund tritt, werden wir meist wacher für das Moment der Gnade in der Begegnung mit einem anderen Menschen und für das Geschenk gemeinsam verbrachter Lebenszeit, ganz unabhängig davon, was wir in dieser Zeit zusammen tun oder lassen. Wesensbegegnung bedeutet, Dankbarkeit zu empfinden und die Schönheit des anderen zu erkennen.

In diesem Geisteszustand der verbundenen Ich-Transparenz können wir in allem, was ist und was gewesen ist, eine innere Stimmigkeit erkennen. Lächelnd wissen wir, dass trotz aller Abgründe, in die wir geblickt haben, in Wirklichkeit nichts „schief gegangen ist“. Wir sind voller Vertrauen und Liebe; die immerwährende Nähe des Göttlichen ist uns jetzt durch die Gegenwart des anderen voll bewusst.

Ausblick: Co-Kreation - Die fünfte Phase
Was kann jetzt noch kommen? Ist das, was wir im Rahmen der vierten Phase beschrieben haben, nicht schon eine ideale, ja sogar idealisierte Beziehung? Ohne zu übertreiben kann man sagen, dass die Beziehung ihren Sinn in vielfältiger Weise erfüllt. Nur eine vielleicht ungewöhnliche Frage bleibt noch unbeantwortet. Die verrate ich Ihnen im nächsten Newsletter.


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Das Jawort

Die Entscheidung für Verbindlichkeit und Stabilität

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Vorbemerkung

In diesem Artikel geht es um die dritte Phase des fünfstufigen holonischen Beziehungsentwicklungsmodells, das in der Integralis® Methode Anwendung findet. Die erste und die zweite Phase des fünfstufigen Beziehungsentwicklungsmodells wurden in den vorangegangen Ausgaben des Akademie-Newsletters beschrieben. Die letzten Newsletter finden Sie zum Nachlesen unter diesem Link: www.integralis-akademie.de/newsletter. Die Texte selber auch chronologisch etwas tiefer auf dieser Seite. 

Wenn wir hier von Partnerschaft sprechen, meinen wir die längerfristig angelegte, privilegierte Beziehung zwischen zwei Menschen beliebigen Geschlechts. Ob das Modell auch für bewusst geführte Dreiecksbeziehungen oder andere polyamore Beziehungsmodelle anwendbar ist, ist noch ungeklärt.

Das Jawort

Die dritte Phase beginnt mit einer Entscheidung für die Beziehung mit diesem Menschen. Das Jawort beendet das Abwarten und Abwägen, das Reden und Ringen, das Verstehen-Wollen und Verhandeln-Müssen der Grenzklärungsphase.

Mit dem Jawort wird die Energie endlich frei für die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft. Weil das in der Praxis manchmal ein schwieriger Vorgang ist, möchte ich das Wesen des Jaworts in den folgenden Ausführungen genauer unter die Lupe nehmen.

Ja wozu?

Beim Jawort geht es einerseits um das Ja zu einem anderen Menschen, um einen gemeinsamen Lebensweg mit ihm oder ihr. Aber anderseits auch ganz konkret um ein gemeinsames Ja zu einem von beiden gewollten Beziehungsmodell mit verbindlichen Beziehungsregeln.

Das vollzogene Jawort bedeutet eben auch, dass es gemeinsam entschieden ist, ob man in einer gemeinsamen Wohnung, einer Wohngemeinschaft oder in getrennten Wohnungen leben wird, ob man eine traditionelle Ehe eingeht oder in einer informellen Partnerschaft (früher wilde Ehe) lebt, ob man gemeinsame oder getrennte Konten hat, ob man seine Sexualität exklusiv in der Partnerschaft lebt oder ob Außenbeziehungen unter gewissen Umständen erlaubt sind und ob man eine Familie mit Kindern gründen möchte oder nicht. Diese Liste umfasst einige der wichtigsten Punkte; sie ließe sich aber im Einzelfall ohne Mühe erweitern. 

Das Jawort in der christlichen Ehe

Das Wesen der christlichen Eheschließung beinhaltet im Wesentlichen zwei Elemente. Die Eheschließung bedeutet: „Nur mit dir“ und „Ein Leben lang“. Oder in der offiziellen Form: „… versprichst du, ihr oder ihm die Treue zu halten in guten und schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, und sie/ihn zu lieben und zu achten und zu ehren, bis der Tod euch scheidet?“ Dieses Jawort ist radikal: Ich wähle dich und das für immer. Mit anderen Worten: Ich mache dir mein Leben zum Geschenk.

Bevor wir einen Blick darauf werfen, ob wir neben dieser Lösung in unserer heutigen Zeit nach andere Wege gehen können, möchte ich die Größe und die Schönheit dieses Eheversprechens würdigen, das in so großem Kontrast zur bindungsscheuen und egolastigen Beziehungskultur unserer Zeit steht.

Die Fragen der Bindungsscheuen lauten: Wie soll ich denn wissen, ob ich dich morgen noch so liebe wie jetzt? Wie soll ich wissen, wer ich in Zukunft sein werde? Wie soll ich wissen, was mir in 10 oder 20 Jahren wichtig ist?

Und genau da ist der Wendepunkt. Ich kann es nicht wissen. Ich lege es jetzt fest und verzichte auf andere Möglichkeiten, mein Leben zu gestalten. Ich verzichte sogar auf Möglichkeiten, die ich jetzt noch gar nicht kenne. Das ist radikal und in gewisser Weise sehr unvernünftig.

Es ist der lebenslange Verzicht auf alle Impulse des Egos, die gegen die Beziehungsregeln der Ehe verstoßen. Es ist die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, was man nicht kennt und nicht überschauen kann. Es ist ein  Fallen, ein „falling in love“. Das große Jawort hat eine Dimension, die die Vernunft transzendiert.

Im Eheversprechen verbinden sich Selbsttranszendenz und personale Bindung. Ich wage mich in eine ungewisse Zukunft mit dir und das, was mich hält, ist mein und dein Versprechen und deine Hand, die meine hält.

In jeder konkreten Situation kann das Eheversprechen in unterschiedlicher Gewichtung von präpersonalen, personalen und transpersonalen Motiven gespeist werden: von einer kindlichen Sehnsucht nach ewiger Geborgenheit, von vernünftigen Gründen und vom Wunsch nach tiefer Hingabe an das Leben in der Hingabe an diesen einen Menschen.

Was bedeutet heute „Nur mit dir“?

„Nur mit dir“ bedeutet, dass ich mich entscheide, mit einem Menschen wesentliche Bereiche meines Lebens gemeinsam zu gestalten. Welche Bereiche  das betrifft, das ist zum Teil gesellschaftlich-traditionell vorgegeben und kann in unserer freizügigen westeuropäischen Gesellschaft im Einzelfall auch anders vereinbart werden.

Traditionell gehören die Wirtschaftsgemeinschaft, gemeinsame Kinder, exklusive Sexualität, gemeinsames Auftreten in familiären und gesellschaftlichen Bezügen und die gegenseitige Fürsorgepflicht zu den Pfeilern einer Ehe. Jeder dieser Bereiche ist heute verhandelbar und andere als die traditionellen Settings haben längst ihre Berechtigung bewiesen.   

Der entscheidende Punkt ist meiner Meinung nach in der inneren Haltung zu finden. „Nur mit dir“ bedeutet, dass ich innerlich aufhöre, nach einem anderen Partner zu suchen, von dem man annimmt, dass er besser zu einem passen würde. Man hat gewählt!

Und zu dieser inneren Haltung gehört auch, die werbenden Angebote anderer Menschen nicht zu nähren oder zu testen. Man hat ja schon gewählt! Nur diese innere Haltung, die ja von außen nicht wirklich überprüfbar ist, kann man als Ausdruck eines wahrhaft vollzogenen Jaworts bezeichnen und nur diese innere Haltung führt zu den Vorteilen der dritten und vierten Phase.

Was bedeutet heute „Ein Leben lang“?

Kann und will ich mich für immer binden? Zuerst sei bemerkt, dass „für immer“ heute in Anbetracht der durchschnittlichen Lebenserwartung länger ist als in der Zeit, in der die traditionellen Beziehungsmodelle entstanden sind.

Ich bin nicht sicher, ob die Analogie zulässig ist, aber ich denke auch daran, dass es früher klar war, dass man einen Beruf erlernte und ihn dann ausübte, solange man konnte oder musste. Ein Erwerbsleben mit mehreren Standbeinen und der Neustart in einem vorher nicht ausgeübten Beruf mit 40 Jahren oder später wäre vormals fast unvorstellbar oder eine  absolute Notlösung gewesen. Heute nennen wir das Selbstverwirklichung und Lebensqualität.

Aber die Frage, ob ein wahres Jawort heute mit der Formel „bis dass der Tod Euch scheidet“ vollzogen werden muss, kann diese Analogie auch nicht beantworten.

Wenn man nicht weltfremd oder rückständig erscheinen will, dann muss man zur Kenntnis nehmen, dass Partnerschaften zu Ende gehen, dass Menschen sich trennen und sich Patchwork-Familiensysteme bilden. Partnerschaften sind in unserer Zeit immer häufiger Lebensabschnittspartnerschaften.

Doch auch an dieser Stelle macht es einen Unterschied, ob wir die Zeiträume analysieren oder uns auf die innere Haltung konzentrieren. Übersetzt für die heutige Welt könnte man das Schöne dieser tiefen Bindungsbereitschaft vielleicht so übersetzen: Ich werde nach Kräften dafür Sorge tragen, dass unsere Liebe schwere Zeiten übersteht und meine Kraft in unsere Verbundenheit lenken. Mit dieser Haltung, mit der Ausrichtung auf „solange wie möglich“, nehme ich dich zur Frau oder zum Mann. 

Zu wenig für die traditionelle Ehe und ziemlich viel für Menschen in einer bindungsscheuen Zeit.

Die Vorteile des Jaworts

Die Vorteile ergeben sich aus der Abwesenheit der Nachteile des nicht vollzogenen Jaworts.

Das Ringen um das Ja zu einer konkreten, gemeinsamen Beziehungsgestaltung kann sich bei einer verschleppten Phase der Grenzklärung in unproduktiven und verletzenden Kommunikations- und stereotypen Beziehungsmustern verheddern.

Typisch für überstrapazierte Variante der Grenzklärungsphase sind die immer gleichen – manchmal im Wortlaut identischen – Diskussionen, die ergebnislos im Bedeutungsnirwana (ver-)enden. Das kostet sehr viel Kraft und bindet Energie, die die Beteiligten eigentlich viel lieber für andere zukunftsweisende Projekte investieren würden. Aber genau das – die Ausrichtung auf Zukünftiges – findet nicht statt.

Und das gibt es zu gewinnen: dass Ruhe einkehrt und die Energie für die Zukunftsgestaltung frei wird; dass die Kommunikation wieder liebevoller wird und Beziehungszeiten gemeinsam genossen werden können; dass man die eigenen Dinge mit leichterem Herzen tun kann und dass das Schöne im Leben wieder mehr in den eigenen Blick gerät.

Beziehungsentwicklungsmodell

Ist das Jawort ein Beziehungsziel an sich?

Nachdem wir über die Vorteile gesprochen haben, könnte man denken, dass wir das Jawort in der Beziehungsentwicklung als notwendigen Schritt, als Ziel an sich verstehen. Dem ist nicht so.

Beziehungsgestaltung ist ein schwieriges Feld und ein Modell löst keine Probleme. Und ohne Jawort geht das Leben auch weiter und vielleicht ist eine  Beziehung, die vieles in der Schwebe hält, für bestimmte Menschen gerade die beste Lösung. Wer könnte das beurteilen? Ich kann das nicht.

Das vorgestellte Modell kann Hinweise darauf geben, welches Verhalten und welche Entscheidungen welche Konsequenzen haben können. Dieses Verständnis ermöglicht wahrscheinlich bewusstere und nachhaltigere Entscheidungen. Das ist der Nutzen.

Wie das Jawort zelebriert werden kann

Die christliche Eheschließung ist selbstverständlich eine zeitgemäße Form des Jaworts.

Aber es entwickeln sich auch neue individuelle und experimentelle Formen sog. „spiritueller Hochzeiten“. Die Beziehungspartner entwerfen sie meist mit einem von ihnen gewählten Menschen, der das Hochzeitsritual nach ihren Vorstellungen leitet. Sie wählen den Ort, den Ablauf, die gesprochenen Worte und die Menschen, die sie dazu einladen wollen.

Das Bekenntnis umfasst meist auch die von beiden gewünschten Beziehungsregeln. Wichtige Elemente einer nicht-konfessionellen Hochzeitszeremonie sind zum einen die Verankerung einer spirituellen Dimension, einer Demutsgeste vor dem Größeren, das wir mit unserer Vernunft und unserem Bemühen nicht verstehen können. Und zum anderen die  Anwesenheit einer wohlgesonnenen Gemeinschaft, die das Bekenntnis zueinander bezeugt und ihm eine soziale Realität verleiht.

Die Abkürzung für Eilige: Das Jawort vor der Grenzklärung 

Das frühe Jawort in der Paradiesphase ist vom Jawort nach der Phase der Grenzklärung zu unterscheiden. Man kann sagen, dass das Jawort in der Paradiesphase relativ einfach ist: Ich erlebe gerade ein hohes Maß an zwischenmenschlicher Passung und Stimmigkeit und keine oder wenig Unterschiedlichkeiten in den individuellen Bedürfnissen. Die Zusage für eine gemeinsame Zukunft ist von der Vorstellung getragen, dass es so oder so ähnlich in meinem Leben (mit dir!) weiter gehen wird. Pointiert könnte man sagen, dass man Ja sagt zu einer vorgestellten Zukunft sagt, in der Vieles leicht und schön sein wird, zu einem „Leben nach meinem Geschmack“. Wer wollte das nicht verewigen wollen?

Nach dem Erleben und Durchstehen einer Grenzklärungsphase, in der Unterschiede gewürdigt, akzeptiert und integriert werden müssen, ist das Jawort in gewisser Weise anspruchsvoller und höherwertiger. Die Beteiligten wissen und akzeptieren, dass das Anderssein des anderen die eigene Persönlichkeitsstruktur immer wieder belasten wird.  Sie haben das, was am anderen für einen selbst schwierig ist, in mehreren Ausprägungen erlebt – und wollen sich und die Partnerschaft trotzdem genau mit diesem Menschen weiter entwickeln. Eine Ode an die Unvollkommenheit des Lebens und manchmal eine Ohrfeige für das sich aufbäumende Ego!

In Vorträgen beschreibe ich das Jawort in der Paradiesphase manchmal als ein Ja zu dem, was mich glücklich macht und das Jawort nach der Grenzklärungsphase als ein Ja zu dem, was mich herausfordert. Beides hat seine Berechtigung; beides kommt vor und hat seine Schönheit. Allerdings liegt es auf der Hand, dass die Partnerschaft mit dem frühen Jawort in der Paradiesphase ihre Grenzklärungsphase zu einem späteren Zeitpunkt nachholen wird und – wahrscheinlich informell oder in einer guten Paarberatung – das Jawort noch einmal vollziehen wird.

Ausblick

Das Jawort ist vollzogen. Und dann?

Im nächsten Newsletter lesen Sie mehr über die Entwicklungsmöglichkeiten einer Partnerschaft, die auf einem festen Fundament ruht, das nicht mehr zu erschüttern ist. Über das, was zwischen zwei Menschen möglich wird, wenn mit der Aufkündigung der Beziehung nicht mehr gedroht werden kann.

Und ich hoffe, dass Sie mir dann wieder Ihre Aufmerksamkeit schenken.

 

Stephan W. Ludwig

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Telefon: 04543-891542
E-Mail: ludwig@integralis-akademie.de

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Artikel zum Thema | Akademie Newsletter No. 9 - Juni 2016:

Die Phase der Grenzklärungen

Das Nein in der Liebe und das Ringen um das Jawort

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Vorbemerkung

In diesem Artikel geht es um die zweite Phase des fünfstufigen holonischen Beziehungsentwicklungsmodells, das in der Integralis® Methode Anwendung findet. Die erste Phase des fünfstufigen Beziehungsentwicklungsmodells wurde in der April-Ausgabe des Akademie-Newsletters beschrieben. Den Text finden Sie unter diesem Link: www.integralis-akademie.de/newsletter-thema#einstieg_2016_08.

Die Vertreibung aus dem Paradies

In der Paradiesphase einer Beziehung fühlen wir uns vom Leben reich beschenkt und irgendwie ist dieses Gefühl im Zusammensein mit unserem Partner besonders intensiv. In dieser Phase passt nahezu alles perfekt zueinander: die spontanen Bedürfnisse, die Gedanken, die Gefühle und die Träume. Oder sollte ich sagen: Der Lebensausdruck des anderen hat perfekt zu meinen eigenen Bedürfnissen und Befindlichkeiten gepasst?

Sie haben es wahrscheinlich schon geahnt: Der Glanz geht wieder verloren; die Paradiesphase ist nicht das gleiche wie eine erwachsene Beziehung.

Die ersten Anzeichen dafür, dass wir beginnen über die Paradiesphase hinauszuwachsen, sind harmlos: Ein feuchtes, auf dem Badezimmerboden herumliegendes Handtuch, das schnell wieder aufgehoben ist oder einige Kleidungsstücke, die an verschiedenen Plätzen in der Wohnung liegen geblieben sind, weil man es so eilig hatte.

Man kann nicht genau feststellen, ob das vorher nicht vorgekommen ist oder nicht, ob der Andere jetzt weniger achtsam ist oder ob man es vorher einfach nicht wahrgenommen oder wichtig genommen hat. Wie auch immer, jetzt erleben wir es anders.
Es sind am Ende der Paradiesphase wirklich Kleinigkeiten, über die man auch einmal großzügig hinwegsehen könnte. Allerdings ist es im Vergleich zu dem, wie es einmal war, doch auch ein Gefühl der Enttäuschung, dass man mit vernünftigen Argumenten und kleinen Fingerzeigen zum geliebten Anderen in Schach zu halten versucht.

Aber die Kluft zwischen den in der Paradiesphase ungebremst gewachsenen Erwartungen und der gefühlten Wirklichkeit scheint eher größer zu werden. Bis zu dem Tag, wo einer der Partner so etwas sagt wie „Freitagabend gehe ich dann zu meinem Tangokurs“ – und dann in die entgeisterten Augen des anderen Partners schaut. Der vielleicht noch nicht einmal wusste, dass der andere „vor unserer Zeit“ immer freitags zum Tangokurs gegangen ist.

„Freitag?!“ schallt es im Inneren des Anderen und ein enttäuschtes „Ach so.“ bahnt sich den Weg ins Hörbare. „Und ich dachte, der Freitag sei doch unser Tag?“ Je nach emotionaler Konstitution und insbesondere je nach biografischer Prägung kann das schon mal zu einer gefühlten Trennung werden. Was ist passiert?

Die Phase der Grenzklärungen

Nach einer Phase der vollkommenen Passung zwischen zwei Menschen wird jetzt klar, dass sich zwei Menschen mit mehr oder weniger unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinander beziehen. Das ist natürlich auch in der Paradiesphase so, aber auf „wundersame“ Weise wird es nicht zum Problem und es entsteht keine Trennungsenergie.

Das Wesen der Phase der Grenzklärungen besteht im Erwachsenwerden in Beziehungsdingen, zu dem das schmerzhafte Erleben des Anderssein des Anderen gehört. Schmerzhaft, weil man sich an etwas anderes gewöhnt hat, aber auch, weil das Ausleben unterschiedlicher Bedürfnisse zu Enttäuschung über den Verlust des Ganzheitsgefühls führen kann und führt. Ja, es kann und es muss nicht dazu führen, aber wenn das eigene Bewusstsein noch vom hormonellen Irresein der Paradiesphase durchflutet ist, dann verfügt man manchmal nicht mehr über das volle Spektrum seiner Beziehungskompetenz. Nicht selten bleibt einfach eine bodenlose Enttäuschung zurück.

Das Paradies in anderer Sicht

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass „Paradies“ im Wortsinn in etwa Umwallung, eingefriedeter Park oder eingezäuntes Landstück bedeutet, dann bekommt die Vertreibung aus dem Paradies auf einmal einen emanzipatorischen (Bei-)Geschmack. Das paradiesische Leben innerhalb der Umwallung geht zu Ende und das Bewusstsein dehnt sich in die Welt jenseits des eingezäunten Landstücks aus, die zugleich viel komplexer, reicher und herausfordernder ist. Das hat unzweifelhaft etwas mit einem Erwachsen-werden zu tun.
Wir erinnern uns daran, dass die Ursache der Vertreibung im christlichen Mythos das Essen des Apfels vom Baum der Erkenntnis gewesen ist. Heute könnten wir sagen, dass wir die Geburt des selbstreflexiven Bewusstseins mit dem Verlust des paradiesischen Bewusstseinszustandes bezahlen.

In diesem Sinne könnten wir auch sagen, dass sich die Paradiesphase als Bewusstseinsphänomen durch eine chronische Überfokussierung mit extrem positiven Begleitgefühlen beschreiben lässt. Eckhard von Hirschhausen spricht auf einer seiner CDs davon, dass das EEG des Verliebten dem eines Menschen mit einer Zwangsneurose ähnelt. Ich weiß nicht, ob das stimmt. In jedem Fall hilft dieser Hinweis dabei, die Sehnsucht nach einem geschenkten paradiesischen Zustand zu relativeren.

Was es in dieser Phase zu gewinnen gibt

Vom Standpunkt der integralen Bewusstseinsentwicklung ist die zweite Phase ein Fortschritt, der allerdings mit schwierigen Gefühlen und Herausforderungen einhergehen kann.

In der Phase der Grenzklärungen geht es um die Anerkennung der Unterschiedlichkeit und um den liebevollen Umgang mit Polaritäten. Es geht z.B. um die Integration von Bindung und Autonomie und nicht selten vertritt jeweils einer der Partner stärker den Nähe-Bindungspol und der andere stärker den  Freiheits-Autonomiepol. Im ungünstigsten Fall schaukelt es sich gegenseitig hoch, bis es so scheint, als würde da etwas gar nicht zusammenpassen. Meist ist es aber Teil einer verzerrten Wahrnehmung, die verschleiert, dass letztlich jeder Mensch ein Bedürfnis nach Nähe und nach Freiheit hat. Und dann ist es eine Frage der Dosierung.

Im Speziellen müssen sich viele Menschen in dieser Phase eine neue Stufe emotionaler Autonomie erarbeiten. Was tun, wenn der Partner am Freitag zum Tango-Kurs geht? Wird mein Freitagabend jetzt zweitklassig oder gelingt es mir, meinen Freitagabend anders zu gestalten und genauso zu genießen? Wollte ich nicht schon lange einmal etwas ganz für mich tun oder mit einem Freund oder einer Freundin etwas unternehmen? Emotionale Autonomie bedeutet, dass ich mein Leben auch ohne meinen Partner voll genießen kann und diese Fähigkeit nutze, wenn der andere keine Zeit für mich hat.

Erschwerend kommt hinzu, dass das, was wir uns unter Liebe vorstellen, meist keine Elemente der guten Abgrenzung beinhaltet. Deshalb sprechen Paartherapeuten von dem „Nein in der Liebe“, das gemeinsam zum Teil der Liebe gemacht werden muss, damit es zum festen Bestandteil der Beziehungskultur werden kann. Das Nein in der Liebe ist kein rüdes Nein, das sich in einem wegstoßenden Beharren auf egozentrischen Bedürfnissen äußert, sondern ein empathisches Nein, das den Schmerz des anderen mitfühlt, sich abgrenzt und vielleicht in einem gewissen Ausmaß über den Grenzverlauf verhandlungsbereit bleibt.

Eine gute Grenze ist besser als ein gequältes unaufrichtiges Nachgeben, bei dem man über die eigenen Grenzen geht und in letzter Konsequenz in der Beziehungsdynamik zu einem überangepassten Partner wird, der man niemals sein wollte und den man so nicht mag.

Manchen Menschen, vor allem denen mit einem stärker betonten Autonomiepol, hilft das Bild eines persönlichen Territoriums, dass der andere nicht ohne Erlaubnis oder auch gar nicht betreten darf.

Zur Liebe gehört außer dem liebevollen Verhandeln der Innengrenzen  zwischen mir und dem anderen auch die gemeinsame Festlegung der Außengrenze der Beziehung: Was teilen nur wir beide und was teilt und erlebt einer von uns mit anderen Menschen? Dabei reicht das Spektrum vom allein besuchten Tangokurs bis zur Gestaltung sexueller Bedürfnisse in einer geschlossenen Beziehung oder einer Variante der offenen Beziehung.

Und während ich über dieses Thema schreibe, denke ich an das Ausbildungsmodul der Integralis Ausbildung, in dem wir uns vier Tage mit der guten Grenze beschäftigen – und es kommt uns vor wie ein Tropfen auf den heißen Stein. So komplex und schwierig kann dieses Thema sein.

Sich verlieben oder lieben?

Sich verlieben und lieben sind zwei unterschiedliche Facetten der Liebe. Das Verliebtheitsgefühl ist überwältigend und offenbart uns eine besondere, aber real existierende Ebene unseres Bewusstseins. Wie sollten wir sie erleben können, wenn sie nicht real wäre?

Das Verliebt-Sein gehört zur Liebe. Aber die Liebe ist mehr und von anderer Qualität als das Verliebt-Sein. Während das Verliebt-Sein den Schaumkronen riesiger Wellen gleicht, ist die  Liebe so etwas wie das ganze Meer. Während das Verliebt-Sein ein faszinierendes und berauschendes, örtlich und zeitlich begrenztes Phänomen der Meeresoberfläche ist, ist die Liebe in ihrer Tiefe und Weite von stiller Dauer. Und natürlich ist beides verbunden und wir sollten niemals vergessen, dass die Welle auf das Meer verweist und dass das Meer uns mit seinem Wellenspiel auf sich und seine unsichtbaren Tiefenwelten  aufmerksam macht.

Im romantischen Ideal der Liebe, das uns alle mehr oder weniger stark geprägt hat, wird die Paradiesphase in realitätsferner Weise überbetont. Liebesfilme enden meist mit einer Umarmung und einem Kuss und nicht mit der Diskussion des Aufgabenplans der kommenden Woche.

Ich glaube, Liebe ist anspruchsvoller als das schwerelose Surfen durch die Paradiesphase. Die Paradiesphase ist ein Geschenk; Liebe bewährt sich im Alltag und ganz besonders in der Phase der Grenzklärungen. In diesem Sinne können wir sagen, dass Liebe nicht nur ein Gefühl ist, sondern auch bedeutet, das Anderssein des Anderen anzunehmen und gute Grenzen in der Beziehung in liebevoller Weise auszuhandeln.

Fluchtreflexe

Manche Menschen verarbeiten die Enttäuschungen, die mit dem Erwachsenwerden in Beziehungsdingen verbunden sein können, auf eine resignative Weise. Sie lassen sich nie wieder auf die Gefühle des Verliebt-Seins ein, begeben sich nicht mehr „in Gefahr“ und bezahlen mit einer gewissen Verflachung des Lebens, meist nicht nur in Liebesdingen.

Andere entscheiden sich für eine Aneinanderreihung von Verliebtheitsphasen mit verschiedenen, aufeinanderfolgenden Partnerschaften. Sie beenden eine Beziehung bei aufkeimender Enttäuschung und schauen sich nach einem neuen Partner um.
Keine der beiden Gruppen nimmt die Herausforderungen der zweiten Beziehungsphase als eine natürliche Entwicklung an und sucht nach deren positiven Möglichkeiten, und – ganz vereinfacht gesagt – beide leiden an ihren eigenen unrealistischen Vorstellungen einer sogenannten romantischen Liebe, in der die Beteuerung der Liebe alle Probleme löst.

In der Phase der Grenzklärungen ist Liebe eben nicht nur Gefühl und Mitgefühl, sondern eine Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und einem Miteinander, das sich schrittweise allem öffnet, was die Partner sind und werden können.

Das Paradies ist nicht verloren!

An dieser Stelle wird eine Besonderheit des holonischen Entwicklungsmodells bedeutsam. Sie besagt, dass jede höhere Stufe die vorhergehenden beinhaltet. In der eingefügten Skizze ist die zweite Stufe also nicht nur der hellviolette Ring mit einem Loch in der Mitte, sondern die Fläche des größeren Kreises, die den inneren, gelben Kreis vollständig beinhaltet. Man kann auch sagen: Ohne den ersten Schritt gibt es keinen zweiten. Und weil wir mit dem ersten Schritt das erlebt und gelernt haben, was man im ersten Schritt lernen kann, ist der erste ein wertvolles Fundament für den zweiten.

Beziehungsentwicklungsmodell
Bei einer negativen Paardynamik kann es sein, dass die tiefe Frustration über den Verlust der Paradiesphase zu Vorwürfen und Machtkämpfen innerhalb der Beziehung führt und dass aus diesem Grunde das Erleben der Paradiesphasen-Gefühle gar nicht mehr stattfindet – und dass es so scheint, als wäre sie für immer vorüber. Das muss nicht so sein.

Ich halte es für eine hohe und erstrebenswerte Kompetenz, wenn es einem Paar gelingt, die Aufgaben der Phase der Grenzklärungen so zu lösen, dass das erfüllende Erleben der Paradiesphase weiterhin ein wesentlicher Bestandteil des Beziehungslebens bleibt. Vielleicht wird es sich nie wieder genauso anfühlen, wie es die Partner erlebt haben als sie den umzäunten Garten noch für die ganze Welt gehalten haben. Aber vielleicht erkennen sie den wahren Wert einer liebenden Begegnung erst jetzt, wenn sie ihnen nicht mehr zufällt, sondern sie der Begegnung mit ihrer Achtsamkeit und Liebe den Boden bereitet haben.

Ausblick

Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen ist es naheliegend, dass diese zweite Beziehungsphase von Ambivalenzen gekennzeichnet ist. Manchmal stellen sich die Beteiligten die Frage, ob man diese Beziehung wirklich will oder doch einen anderen Weg einschlagen möchte. Um das endgültige Jawort wird noch gerungen, selbst wenn man sich vorher schon gegenseitig der eigenen Liebe versichert hat.

Zum Thema des „Jaworts in der Liebe“ lesen Sie mehr im nächsten Newsletter.

 

Stephan W. Ludwig

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Artikel zum Thema | Akademie Newsletter No. 8 - April 2016:

Die Paradiesphase – der Start in eine Partnerschaft

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Das Beziehungsentwicklungsmodell der Integralis® Methode

Genau wie ein Mensch sich entwickelt, laufen lernt, zur Schule geht und in die Pubertät kommt, so gibt es auch in der Entwicklung von festen Partnerschaften eine Entwicklungsbewegung. Manchmal eine kontinuierlich, manchmal eine lebendige und turbulente und manchmal eine fast stagnierende.

Für die Entwicklung von Paarbeziehungen gibt es viele Modelle und Landkarten, von denen die meisten jeweils einige interessante Aspekte des Beziehungslebens beleuchten. In diesem Sinne kann auch das hier angesprochene Beziehungsentwicklungsmodell nur einige Aspekte verdeutlichen und niemals das ganze unsagbar vielschichtige Phänomen „Beziehungsleben“ erklären.

Die Integralis Methode benutzt ein fünfstufiges, holonisches Entwicklungsmodell, das auf eine Idee von Dr. Susan Campbell aus den 80-iger Jahren zurückgeht und an der Integralis Akademie weiterentwickelt wurde. Für dieses Modell spricht, dass es aus der Beratungspraxis der Integralis® Berater erwachsen ist und vielen Paaren dabei geholfen hat, sich selbst als Mensch in einer Partnerschaft zu verorten, bestehende Konflikte in einem neuen Licht zu sehen und konstruktiv über Lösungs- und Entwicklungsperspektiven nachzudenken.

In diesem Text werde ich die erste Entwicklungsstufe erläutern.

Die Paradiesphase

Die Paradiesphase beginnt klassischerweise mit einem unerwarteten und magischen Moment der Begegnung. Man geht morgens aus dem Haus und denkt an nichts Gutes und nichts Schlechtes und schon gar nicht daran, sich heute zu verlieben. Und abends kommt man nach Hause (oder auch nicht) und lebt in einer vollständig anderen, inneren Welt, die nach anderen Gesetzen zu funktionieren scheint.

Das ist anders: Man hat mehr Energie zur Verfügung, obwohl man weniger schläft. Schwierige Dinge werden leichter; graue Himmel werden blauer. In Gegenwart des Liebespartners wird der innere Seelenraum von einem Gefühl der Ganzheit und Verbundenheit geflutet: Momente des Zusammenseins, in denen nichts mehr fehlt. Auch die alten Freunde fehlen einem nicht, was diese nach einiger Zeit auch mit gemischten Gefühlen bemerken. Die Momente der Liebe und Begegnung verlieren sich immer wieder in einem Bewusstsein der Zeitlosigkeit. Selbst wenn nichts geschieht, scheint jeder Moment geradezu perfekt zu sein. Und wenn sich eine innere Bewegung zu einem Sprech- oder Handlungsimpuls verdichtet, dann natürlich im Einklang zweier zusammenschwingender Seelenbewegungen: Man bemerkt, dass man jetzt frühstücken könnte und ja, es ist für beide jetzt der stimmige Moment. Wahrscheinlich erzählt man sich beim Frühstück, dass man in etwa das Gleiche geträumt hat. Sogenannte übernatürliche Fähigkeiten wie Gedankenlesen oder gehäuft auftretende Synchronizitätserfahrungen (Carl Gustav Jung) sind ein fester Bestandteil des kosmischen Menüs der Paradiesphase.

Der Bewusstseinszustand der Paradiesphase ist ein kraftvoller und machtvoller Zustand. Häufig glauben die Beteiligten in dieser Phase, dass Vieles möglich ist, was vorher undenkbar und unerreichbar war. Diese Gedanken kuscheln sich manchmal sogar an weltfremde Allmachtfantasien, die ihr Überleben meistens dem fehlenden Kontakt mit einer korrigierenden Außenwelt verdanken.

Von diesem Machtmotiv spricht auch der Schöpfungsmythos in Platons Gastmahl. Darin wird ein Kugelwesen beschrieben, in dem das männliche und das weibliche Geschlecht vollkommen vereint sind. Dieses Wesen erschien den Göttern so mächtig, so stark und so bedrohlich, dass Zeus entschied, das Kugelwesen in einen Mann und eine Frau auseinander zu schneiden. Der Mythos erklärt damit auch die Anziehung zwischen Mann und Frau, die nach dieser Trennung auf der Suche nach ihrem gemeinsamen Ursprung sind und denen es in der Liebesbegegnung eben manchmal gelingt, diese verlorene Vollkommenheit und Allmacht wieder zu erahnen.

Was können wir in dieser Phase lernen und was sind die typischen Fallen der Paradiesphase?

Zuerst möchte ich vorschlagen, die Erfahrung einer Paradiesphase als ein Geschenk zu empfangen. Also etwas, das einem nicht zusteht oder auf das man irgendein Recht hat. Eher als einen Moment der Gnade und der Offenbarung. Ja, als einen Moment oder einen Zeitraum, der aber in jedem Fall vergänglich ist. Die Erfahrung einer Paradiesphase ist kein Geburtsrecht, sondern eine glückliche Fügung. Und die sollten wir genießen, ausleben, andächtig bestaunen oder suchtartig verschlingen, jeder ganz auf seine Weise.

Nicht selten hat die Paradiesphase eine sehr intensive, körperlich-emotionale Facette, die manchmal wie ein hormonelles Irresein erlebt wird. Auch das ist schön. Hilfreich ist es an dieser Stelle zu wissen, dass in der Intensität der körperlichen Liebe unbewusste Körpererinnerungen wach gerufen werden können, die mit schönen und/oder schwierigen, libidinösen Verschmelzungserfahrungen zwischen Mutter und Kind zu tun haben. Das kann extrem machtvolle, positive Gefühle wachrufen oder extrem schwierige Gefühle oder eine Mischung von beiden. Viele Menschen und Paare wissen das nicht einzuordnen. Hilfreich ist es, diese emotionalen Bewegungen in einem Vertrauensraum einfach ausschwingen zu lassen.

Die größte Falle der Paradiesphase besteht meiner Meinung nach darin, den Moment der Vergänglichkeit zu verkennen und in eine Anspruchshaltung zu stürzen, die auf nichts beruht als auf unserer tiefen Sehnsucht nach dem Geborgensein in der Welt. Die Sehnsüchte der Beteiligten verdichten sich im Erleben einer Paradiesphase so, dass sie denken, dass jetzt das Leben beginnt, das sie immer gesucht haben und das ihnen eigentlich von Anfang zugestanden hätte. Die Seele ruft unablässig: „Ja, ja, ja.“ und „So soll es für immer bleiben.“

Halten wir also fest: Diese Phase ist vergänglich. Auch wenn das weh tut.

Und sie mündet in eine zweite, im holarchischen Sinn höherwertige und komplexere Phase: Die weniger romantische Phase der Grenzklärungen. In dieser Phase können und werden wir lernen, Unterschiedlichkeiten so zu organisieren, dass das jeweils andere sein Recht bekommt und der magische Zauber der Paradiesphase nicht verloren geht. Eine anspruchsvolle Aufgabe!

Dazu mehr im nächsten Newsletter.

 

Stephan W. Ludwig

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Beziehung und Bewusstsein

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Ich glaube, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist und dass die Kunst, die eigenen Beziehungen in Freiheit und Liebe zu gestalten, zum Fundament eines glücklichen Lebens gehört. Erfüllte Beziehungen sind in vielerlei Hinsicht „Seelennahrung“, genauer gesagt: Nahrung für unser körperliches, soziales, psychisches und seelisches Gleichgewicht.

Gleichzeitig wissen wir alle aus unseren eigenen Beziehungserfahrungen, wie schwierig es ist, partnerschaftliche Beziehungen dauerhaft zu einem Ort des Glücks und einer Quelle der Lebensenergie zu machen. Dabei geht es mir nicht darum, Werbung für besonders intensive oder tiefe Beziehungen zu machen.

Es geht vielmehr darum, eine Passung zwischen dem eigenen Lebensentwurf, den persönlichen Bedürfnissen und der Gestaltung der eigenen „Beziehungslandschaft“ zu finden. Das kann bedeuten, mehr Nähe zu riskieren oder mehr Autonomie einzufordern. Oder beides in ein individuelles Gleichgewicht zu bringen.

Vom Gedanken zur Beziehungswirklichkeit

Bevor ich auf die vier Beziehungsfragen eingehe, möchte ich etwas über die Bedeutung des Zusammenhangs von Beziehungsgestaltung und Bewusstsein sagen. Der Schlüsselsatz lautet: Was ich denke, bestimmt, was ich sehe und erlebe und was ich tue oder lasse.

Ein einfaches Beispiel: Wenn ich denke, dass mich ein schöner Tag erwartet, dann bin ich sensibler für die guten Dinge und erlebe mehr schöne Dinge. Das macht mich froh und ich bin offener für zwischenmenschlichen Begegnungen und verhalte mich einladender.

Wenn ich aber denke, dass heute bestimmt etwas schief gehen wird, bin ich sensibler für Schwierigkeiten und erlebe tendenziell mehr problematische Situationen. Ich bin angespannter und weniger offen für zwischenmenschliche Begegnungen und verhalte mich wahrscheinlich vorsichtiger.

Fazit: Erwartungen sind in gewisser Weise Programmierungen, die ein bestimmtes Welt-Erleben begünstigen. Negative Erwartungen begünstigen negative Gefühle und negative Gefühle verengen das Bewusstsein.

Ein anderes Beispiel für „verengtes Bewusstsein“: Wenn ich mich über das Verhalten meines Partners gerade sehr ärgere und schon in Gedanken meine vorwurfsvollen Texte vorbereite, dann  befinde ich mich in einem verengten Bewusstseinszustand. D.h., dass ich kaum etwas anderes denken oder wahrnehmen kann, das außerhalb meines Problemfokus´ liegt. Begegne ich meinem Partner in diesem Zustand, so ist es sehr wahrscheinlich, dass es für mich nur noch um meinen Vorwurf geht und ich keine freie Aufmerksamkeit habe, um andere, positive Dinge überhaupt zu bemerken, z.B. dass die Wohnung aufgeräumt ist und frische Blumen auf der Fensterbank stehen. Auch ist es mir wahrscheinlich nicht möglich, meinen Vorwurf in Relation zu all dem Schönen zu setzen, das ich mit diesem Menschen schon erlebt habe. All das spielt jetzt keine Rolle mehr. So eine Verengung, so eine Verkrampfung des individuellen Bewusstseins, ist die Basis von sich immer weiter verselbstständigenden Konflikten, die  die eigene Lebens- und Beziehungsqualität dauerhaft bedrohen.

Geistige Sportkleidung gegen verengtes Bewusstsein

Deshalb ist es so wichtig, sich über die Gewohnheitsmuster des eigenen Denkens klar zu werden und diese selbstgebauten mentalen Korsette gegen flexible, „geistige Sportkleidung“ einzutauschen. Das kann man tun, in dem man sich ernsthaft auf ungewöhnliche oder ungewohnte Fragen einlässt.

Auf die Frage nach seinem Erfolgsrezept, antwortete Albert Einstein einmal, dass er mindestens einmal am Tag das Gegenteil von dem denke, was er für richtig halte. Das ist die Art von geistiger Flexibilität, zu der ich Sie mit den folgenden vier Beziehungsfragen einladen möchte.

Die erste Frage: Was brauche ich in der Beziehung mit dir?

Es ist natürlich, dass der Mensch auch mit sich selbst beschäftigt ist. Dabei geht es z.B. um die Befriedigung von emotionalen oder sexuellen Bedürfnissen und damit um die Schaffung und Stabilisierung der eigenen Persönlichkeit und um die eigene Selbstverwirklichung. Im weitesten Sinne sind dabei die eigene Person und die eigenen Befindlichkeiten im Hauptfokus der Aufmerksamkeit. Im Beziehungskontext kann man das mit der folgenden Skizze veranschaulichen:
Was brauche ich in der Beziehung mit dir?

Die positive Seite dieser Frage besteht darin, dass die eigenen Bedürfnisse erkannt und mitgeteilt werden können.

Die Schattenseite besteht darin, dass der Beziehungspartner vorwiegend als guter oder schlechter Erfüllungsgehilfe für eigene Bedürfnisse wahrgenommen wird. Eine Beziehung, die sich in dieser Bewusstseinsebene gründet, ist nur solange stabil „wie jeder auf seine Kosten kommt“. Außerdem kann das Festhalten an dem, was wir vom anderen haben wollen, zu Abhängigkeitsstrukturen und zu manipulativem Verhalten führen. Qualitätszeiten werden dann seltener und seltener.

Aus der Sicht der Potenzialentfaltung kann das Festhalten an den eigenen Bedürfnissen sogar zu einem massiven Entwicklungshindernis werden. Zur Jahrtausendwende hat der Dalai Lama der Welt u.a. gesagt: „Manchmal ist es ein Glück, nicht zu bekommen, was man braucht.“

Ich glaube, dass er damit auf die hinderliche Funktion des Egozentrismus´ hinweisen wollte, so als könne das Ego sich durchaus darüber täuschen, was wirklich gut für den Menschen ist. Und dass im Loslassen von dem, was wir zu brauchen glauben, sich neue Türen der Selbstverwirklichung öffnen können, an die wir nicht einmal hätten denken können.

Die zweite Frage: Wie kann ich dein Leben schöner machen?

Nein, diese Hingabe an das Du ist keine Selbstaufgabe! Es ist ein Ausdruck innerer Größe, Ausdruck der Fähigkeit, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse für eine Weile in den Hintergrund treten zu lassen und den eigenen inneren Raum ganz frei für die Wünsche und die Entfaltung des anderen zu machen. Die folgende Skizze soll das veranschaulichen.
Wie kann ich dein Leben schöner machen?Im Zustand der Verliebtheit ist das ganz natürlich; in einer längeren Partnerschaft braucht es häufiger eine bewusste Entscheidung, um die Schätze dieser Hinwendung zum anderen Menschen wieder erleben zu dürfen. Ja, derjenige, der sich auf ganzherzige Weise zuwendet, ohne etwas im Austausch dafür zu erwarten, wird beschenkt!

Die Lichtseite dieser zweiten Ebene ist wie eine Energieumarmung, wie ein schmetterlingszarter Kuss, mit dem wir das Leben und das Wesen des anderen Menschen berühren. In Dankbarkeit für das eigene Leben und das Wunder dieser vergänglichen Begegnung.

Die Schattenseite ist dann tatsächlich die Selbstaufgabe. Um es noch klarer zu sagen: Das dauerhafte Verleugnen der eigenen Bedürfnisse kann auf andere Weise genauso destruktiv in einer Beziehung wirken wie das Beharren auf dem Eigenen. Es bringt den Partner in die Schuld und man erntet seinen Ärger und nicht selten wird der Partner damit vertrieben.

Die dritte Frage: Was kann ich dazu beitragen, dass du und ich in einem Wir ankommen?

Die dritte Frage lädt dazu ein, sich für eine Wir-Identität zu engagieren.

Das geschieht einerseits im Innenraum der Beziehung durch eine Kultur der Resonanz: Das, was den Partner bewegt, ganz in mich hineinschwingen lassen und das, was mich bewegt, aus mir hinausschwingen zu lassen. Bis daraus ein Energiefeld entsteht, in dem sich beide Partner aufgehoben und beheimatet fühlen und das gleichzeitig die Begrenzung des Ich-Bewusstseins beider Partner lockert oder zeitweise aufhebt: Das kann sich so anfühlen wie ein gemeinsames Schwingen in einem Energiefeld. Auf der Handlungsebene geht es in dieser dritten Ebene vor allem um die Fürsorge für gemeinsame Qualitätszeiten und wertschätzende Kommunikationsstrukturen und weniger darum, dem Partner etwas abzunehmen.

Anderseits gewinnt eine Wir-Identität ihre klare Kontur aber erst in der Interaktion mit anderen Menschen, im sozialen Feld. Das bedeutet, dass man als Paar für alle anderen sichtbar und bedeutsam wird. Dieser Aspekt kann z.B. in geheimen Liebesaffären nicht gelebt werden. Gerade in diesem Außenaspekt wird deutlich, dass der Sinn einer Partnerschaft nicht allein darin liegen kann, die beiden Partner glücklich zu machen.

Was kann ich dazu beitragen, dass du und ich in einem Wir ankommen?

Von einer Schattenseite würden wir sprechen, wenn sich das Wir vorwiegend mit sich selbst beschäftigen würde und hinter einer wenig durchlässigen Beziehungsaußengrenze abkapselt. 

Die Systemtheoretiker lehren uns, dass geschlossene Systeme nicht lange lebensfähig bleiben und dass ein reger Austausch mit der Umwelt, Systeme lebendig und widerstandsfähig macht. Davon können wir uns inspirieren lassen und Mut schöpfen, als Paar in die Welt hineinzuleben.

Eine Partnerschaft ist keine ganze Welt, sondern sie lebt in und von einer Mitwelt und den dazugehörigen Mitmenschen. Deshalb können wir einen Seitenaspekt der dritten Ebene auch mit der Frage beleuchten: Was geben wir als Paar der Gemeinschaft, in der wir leben?

Außerdem möchte ich mit dieser Frage betonen, dass wir von den Mitwelten, in denen wir leben, der Familie, den Freunden, dem Dorf und dem Engagement von Menschen in allen sozialen und politischen Strukturen ständig profitieren: Jemand backt mein Brot, ich fahre auf betonierten Straßen und alle 14 Tage wird meine Mülltonne geleert. Das tun meine Mitmenschen, auch wenn ich nicht jeden persönlich kenne.

Wir sind es gewohnt, diese Dinge auf hohem Anspruchsniveau zu kritisieren. Wir haben das bezahlt! Ja, das ist auch wahr. Und es ist eine Dimension der Bezogenheit, die uns auffordert, Wertschätzung zu äußern oder handelnd diese unauffälligen Formen zwischenmenschlicher Verbundenheit zu pflegen. Konkret kann das heißen: gemeinsam Freunde einzuladen, Nachbarn zu unterstützen oder sich im Rahmen eines Stadtteilfestes zu engagieren. Oder eine soziale Initiative zu unterstützen oder Flüchtlingen zu helfen.

Die Lichtseite dieser Beziehungsebene liegt im Geben, im handelnden Dankesagen.

Die vierte Frage: Wie dienen wir dem Leben?

Diese vierte Frage ist die existenziellste Frage. Sie fragt nicht nur nach der Sinnhaftigkeit meines Tuns und meines Seins in dieser Welt. Sie fragt nach der Sinnhaftigkeit des Wir, also der Beziehung oder der Partnerschaft, in dieser Welt.

Es geht mir mit dieser vierten Frage nicht um die großen Dinge, die wir vielleicht gar nicht direkt beeinflussen können. Es mir um die innere Ausrichtung unseres Handelns und um die aufrichtige Prüfung, ob es in eine gute Richtung weist. Es geht um die kleinen Impulse, die dem Rad des Lebens neuen Schwung verleihen.

Wie dienen wir dem Leben?

Für einige von uns lautet die Antwort wahrscheinlich einfach „Ja, ich leiste meinen Beitrag, so gut ich es eben kann.“ Dann ist jetzt der Moment, sich an dieser Stelle auch einmal selbst die Anerkennung dafür zu geben. Für andere ist es vielleicht eher ein „Na ja, oder ein Teils-teils“. Für noch andere kann es eine Anregung sein, einem schon längst bekannten Veränderungsimpuls im eigenen Leben zu folgen – oder diese Frage zu einem Thema in der Beziehung zu machen.

Man kann diese Frage auch als Tor zu einer spirituellen Ebene in der Beziehungsentwicklung verstehen. Anfangs gewinnt die Beziehung eine Kontur, eine Wir-Identität, so als wäre sie ein eigenständiges Wesen. Dabei  durchläuft sie eine Phase, in der sie sich selbst ausdrückt und verwirklicht, in der sie sich lebt und sich an sich selber freut. Und irgendwann ist es Zeit, dass die Grenzen der Beziehung wieder transparenter werden, dass sie sich selbst transzendiert. Das bedeutet, dass alle angesprochenen Ebenen sich in einem weiten und toleranten Bewusstseinsraum gefügt haben und als begehbare Möglichkeitsräume erhalten bleiben. Das stärkste Bedürfnis dieser Ebene ist aber der Wunsch, dem Glück anderer Menschen dienlich zu sein.

Einladung zu einer kleinen Übung:

Wenn Sie dieser Text inspiriert, dann schlage ich Ihnen folgende Übung vor.

  1. Nehmen Sie ein Blatt Papier und beantworten Sie die vier Fragen zunächst für sich allein.

  2. Bitten Sie ihren Partner oder Ihre Partnerin, die vier Fragen schriftlich zu beantworten (auch wenn er oder sie den Text nicht gelesen hat).

  3. Nehmen Sie sich eine Dreiviertelstunde Zeit und besprechen Sie ihre Antworten miteinander.

Ich freue mich sehr, wenn Sie mir Ihre persönlichen Antworten auf diese vier Fragen zusenden und ich wünsche Ihnen ein freudvolles Paargespräch.

 

Stephan W. Ludwig

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Eine Spiritualität, die ins Leben wirkt (Teil 2)

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Einleitung

Bisher habe ich meine Gedanken aus der Perspektive eines Menschen dargestellt, der das Potenzial hat, spirituelle Erfahrungen zu machen. Im Rahmen der Integralis Methode nennen wir das eine personale Perspektive, die vom normalen Menschen ausgeht, der sein Leben im Weltlichen gut gBewusstseinestalten möchte. Und in gewisser Weise  wollen und tun wir alle genau das: Wir sind auf der Suche nach Lebens- und Beziehungsqualität.

Was aber wäre, wenn es „in Wirklichkeit“ genau umgekehrt wäre? Nämlich, dass wir spirituelle Menschen sind, die eine weltliche Erfahrung machen. Was wäre, wenn wir unser Leben mehr und mehr in diese größere, transpersonale Perspektive einbetten würden? Ich glaube, dass diese Schwerpunktverschiebung in unserem Denken, in unserem Selbstkonzept, das eigene Leben und Handeln positiv verändern kann und dass wir genau das tun, wenn wir von spiritueller Praxis sprechen: Wir schaffen Räume, um uns an unsere spirituelle Natur zu erinnern.

Der Wendepunkt liegt im Selbstkonzept

Dieses zweite Selbstkonzept, das natürlich genauso wahr oder – genauer gesagt –berechtigt ist wie das erste, ist im Rahmen der Integralis Methode Bestandteil einer transpersonalen Perspektive. Also einem Blick auf die Welt und sich selbst, der sich nicht in den Details des Alltags verfängt, sondern uns erlaubt – wie durch ein Weitwinkel-Objektiv –, das eigene Leben von der Geburt bis zum Tode zu betrachten.  Das begünstigt, dass wir unserem Leben einen anderen Sinn geben und es ist wahrscheinlich, dass wir anders handeln. Vielleicht etwas liebevoller und etwas weiser. Das ist unsere Hoffnung.

Und dabei geht es nicht um ein Besser oder Schlechter, sondern um die Fähigkeit, beide Perspektiven mit Leben zu füllen und sie im eigenen Bewusstsein zu beheimaten – bis die persönliche Wertigkeit dieser beiden Selbstkonzepte sich vielleicht mehr und mehr zugunsten des letzteren verschiebt, ohne dem ersten an Bedeutung zu nehmen.

Die folgenden Ausführungen werden diese Art der integralen, einbeziehenden Mehrperspektivität noch weiter veranschaulichen.

Drei Wege spiritueller Entwicklung: Erwachen, Entwicklung und Schatten-Integration

Die Unterscheidung dieser drei Wege geht auf Ken Wilber zurück. Sie verschafft uns eine erste Übersicht.

1.    Das Erwachen
Der erste Weg ist der klassisch-kontemplative, der mehr oder weniger direkt auf das Erwachen zu einem transpersonalen Bewusstseinszustand abzielt, in dem der Mensch „Gott näher ist“ als im umtriebigen Alltagsbewusstsein. „Gott näher zu sein“, das  bedeutet in meinem Verständnis, im Denken und im Handeln weniger auf sich und die eigenen Interessen zu fokussieren und mehr im Interesse und für das Wohlergehen der Mitmenschen und der Mitwelt zu handeln.
Auf diesem Weg spielt meditative Praxis eine entscheidende Rolle. Die spirituelle Entwicklung ist auf diesem ersten Weg diskontinuierlich und unberechenbar.

2.    Die systematische Entwicklung
Der zweite Weg ist ein entwicklungspsychologischer, also z.B. der einer integralen Bewusstseins- und Persönlichkeitsentwicklung entlang einer Landkarte aus Entwicklungsstufen. Auf diesem Weg wird – zusätzlich zur meditativen Geistesschulung – jedes Lebensthema, jede Krise, jede Freude und letztlich jede bewusste Erfahrung zu einer Möglichkeit für die eigene spirituelle Entwicklung. In diesem Sinn wird Spiritualität als eigenständige Entwicklungslinie verstanden, auf der man mehr oder weniger fortgeschritten sein kann.

3.    Die Schatten-Integration
Den dritten Weg bezeichnet Wilber als den Schattenweg, genauer gesagt: den Weg der Integration von abgespaltenen Persönlichkeitsanteilen.

„Schatten“ ist in diesem Sinn all das, von dem wir denken, dass wir es nicht sind, z.B. rücksichtslos, gewalttägig, genial u.a. Aufgrund unserer persönlichen Erfahrungen ziehen wir in unserem Geist immer wieder unsichtbare Grenzlinien zwischen dem eigenen Ich (dem, was wir sind) und einem großen Nicht-Ich, das alles umfasst, was wir glauben nicht zu sein. Die Schattenbildung ist in gewisser Weise ein natürlicher innerer Vorgang und sogar ein notwendiger Bestandteil der Entwicklung und Konturierung der eigenen Persönlichkeit.

Die entscheidende Frage für einen reifen Menschen lautet, ob diese Grenze zu einer inneren und äußeren Kampflinie wird oder ob es gelingt, den Grenzbereich bewusst und achtsam zu erkunden und auszuloten und nach und nach das Ausgegrenzte wieder zu integrieren. Das wiederum bedeutet, im eigenen Bewusstsein die Möglichkeit ins Auge zu fassen, dass im Abgelehnten und Ausgegrenzten Anteile von mir selbst in Erscheinung treten, auf die ich in gewisser Weise „allergisch“ reagiere, obwohl sie vielleicht – in bereinigter Form - meiner eigenen Potenzialentwicklung sogar von Nutzen sein könnten.

Wer diese Gedanken vertiefen möchte, sei an dieser Stelle auf den Audio-Mitschnitt meines Vortrags „Schatten-Integration als spiritueller Weg“ verwiesen. Sie finden ihn auf dieser Seite.

Man kann diesen dritten Weg auch als Unterpunkt des zweiten, entwicklungspsychologischen Weges verstehen, aber aufgrund der starken Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Miteinander, die das verdrängte Unbewusste individuell und kollektiv haben kann, finde ich es berechtigt, die Praxis der Schattenintegration in ihrer besonderen Bedeutung für das menschliche Leben als eigenen spirituellen Weg zu bezeichnen.

Drei Wege im Yoga

Da man inzwischen schon in der Süddeutschen Zeitung Artikel mit der Überschrift „Trendsport Yoga und seine Risiken“ findet, sei noch einmal darauf hingewiesen, dass Yoga ursprünglich eine Form hinduistischer Spiritualität gewesen ist, bevor die westliche Kultur das Verständnis auf die gesundheitsförderlichen Effekte von Körperübungen verengt hat.
In Hinblick auf eine Spiritualität, die ins Leben wirkt, finde ich die (bewusst vereinfachte) Darstellung der drei Wege des Yoga aufschlussreich, weil sie drei wichtige Aspekte spiritueller Entwicklung beleuchten. Im Sinne des ganzheitlich-integralen Ansatzes sehe ich darin das Potenzial der Zusammenschau und Integration dieser drei Elemente als wertvollen Beitrag zu einer zeitgemäßen Spiritualität.

Die drei Wege des Yoga sind das Jnana-, das Bhakti- und das Karma-Yoga.

1.    Jnana-Yoga – der Weg des Wissens

Im Zentrum des Jnana-Yoga steht das Streben nach der Erkenntnis der letzten Wahrheit. Damit ist nicht theoretische Gelehrsamkeit und die Anhäufung von akademischem Wissen gemeint, sondern der klare, weite Geist, der trotz und durch die Trennungsenergie des Weltgeschehens den Blick für die tieferliegende Verbundenheit von allem mit allem nicht verliert.
Wir dürfen an dieser Stelle auch von einer Weisheit sprechen, die sich in ihrer sanften und gleichzeitig großen Integrationskraft offenbart. Dann wird auch verständlich, dass es im Jnana-Yoga,  obwohl es auch als der Weg des Wissens bezeichnet wird, vor allem um eine Weitung des Bewusstseins geht, in dem Schmerz, Hoffnung und Liebe gemeinsam einen Platz finden können.

2.    Bhakti-Yoga – der Weg der Gefühle

Als Bhakti-Yoga bezeichnet man den Weg der Gefühle, der Hingabe und ganz besonders den Weg des sich immer und auf alles ausweitenden Mitgefühls.
Man kann gar nicht hoch genug schätzen, wie sehr es für ein friedliches Miteinander von Bedeutung ist, dass die Bewohner und Gestalter dieser Welt sich und andere fühlend erkunden können. Wem es an innerem Kontakt, also am lebendiges Erleben-können der eigenen Gefühle, Empfindungen, Regungen und Impulse, fehlt, der verliert an Resonanzfähigkeit und Leichtigkeit  im zwischenmenschlichen Kontakt. Und wer sich nicht in jemanden einfühlen kann, kann auch die Grenzen anderer nicht in angemessener Weise wahrnehmen, achten und respektieren.
Im Rahmen der Integralis Methode sind deshalb die Verfeinerung des Einfühlungsvermögens, also des Erspürens der eigenen Innenwelt, und die präzise Wahrnehmung der Gefühle anderer Menschen zentrale Themen der Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung.

3.    Karma-Yoga – der Weg des Handelns

Im Karma-Yoga steht das eigene Handeln im Mittelpunkt. Wenn ich über eine Spiritualität schreibe, die ins Leben wirkt, dann liegt es nahe, dass mir dieser Punkt besonders am Herzen liegt.

Die Arbeit an der inneren Haltung ist wichtig und sogar unabdingbar, aber sie bleibt in gewisser Weise schwach, wenn sie nicht ins Handeln mündet. Das Karma-Yoga ruft uns dazu auf, das eigene Handeln selbst zum Inhalt des spirituellen Weges zu machen und es ruft uns zu: Tue Gutes, ohne dich mit dem Gutsein deines Handelns innerlich oder anderen gegenüber zu schmücken.
Allerdings birgt dieser Appell auch eine Gefahr. kann Das Festhalten an dem, was man für das Gute hält, kann in dem Moment zu einem Konfliktpotenzial werden, wenn es andere Menschen mit anderen Vorstellungen betrifft. Und das ist nicht selten der Fall. Dieses Phänomen nennt der Kulturwissenschaftler Bazon Brock die „Humanismus-Falle“. Deshalb: Gutes tun ist nicht genug.
Ich denke, dass das Gute nur als solches wirksam werden kann, wenn es gemeinsam gefunden wird. Unsere Erfahrung zeigt, dass nachhaltige Lösungswege am ehesten in einem Klima der Offenheit und Verbundenheit sichtbar werden, wie wir es aus Kommunikationsstrukturen wie dem Wir-Prozess kennen. Deshalb ist es vielleicht die erste Aufgabe, an einem zwischenmenschlichen Feld mitzuwirken und zu weben, in dem das sichtbar und fühlbar werden kann, was zum Wohle aller Beteiligten gemeinsam zu tun ist. Und das ist wahrscheinlich etwas, das niemand alleine erdenken kann.

Zurück zu den drei Wegen des Yogas.

SpiritualitätZusammenschau: Weisheit, Mitgefühl und Handeln

Aus dem Blickwinkel der Integralis Methode stellt sich die Frage, warum man in einer ganzheitlichen, traditionsübergreifenden Spiritualität auf einen dieser Aspekte verzichten sollte. Wird denn nicht gerade in der Zusammenschau und dem Zusammenklang dieser drei Facetten von Spiritualität das Leben zu einer lebendigen und spirituellen Angelegenheit zugleich?
Das finde ich wünschenswert: eine Spiritualität, die nicht als anstrengende Übung außerhalb des alltäglichen Lebens stattfindet, sondern die sich natürlich und leidenschaftlich mit dem pulsierenden Leben verbindet.

Integralis: Ein Plädoyer für eine leidenschaftliche Spiritualität

Eine leidenschaftliche Spiritualität speist sich aus der Liebe zum Leben, aus einem tiefen Sich-einlassen auf alles Lebendige. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass sich die folgenden fünf Bereiche ganz besonders dazu eignen, das Heilige und das lustvoll-weltliche als Einheit zu erleben. Man könnte auch von fünf Möglichkeiten spiritueller Praxis sprechen.

1.    Schönheit genießen

Uns allen vertraut ist die ästhetische Erfahrung beim Musikhören oder beim Betrachten eines Kunstwerks oder beim Lesen eines Gedichts: Manchmal ergreift es uns, und unser innerstes Wesen schwingt im Einklang mit dem, was wir wahrnehmen. Ursula Brandstätter beschreibt das mit den Worten: „In der ästhetischen Erfahrung gehen Ich-Erfahrung und Welt-Erfahrung eine Einheit ein.“ Und ich möchte ergänzen: Und wir erleben den Zauber und die Schönheit, die dem Leben inne wohnen.
Der Philosoph Christoph Quarch, ein Verbündeter bei der Suche nach einer leidenschaftlichen Spiritualität, schreibt in seinem Buch „Flirten mit Gott“: „Schönheit ist kein spiritueller Luxus, sondern ein Grundnahrungsmittel.“
Das Besondere einer ästhetischen Erfahrung liegt u.a. darin, dass das eigene Ich nicht auf das Erreichen eines äußeren Ziels ausgerichtet ist, sondern den Prozess des Wahrnehmens selbst genießt.
Zelebrieren wir also die Momente der Erfahrung von Schönheit, von Einklang, von seelischer Resonanz und der damit verbundenen Wiederverzauberung der Welt!
2.    Achtsam kommunizieren
Die zwischenmenschliche Begegnung ist Kommunikation. Und zu diesem Thema ließe sich so Vieles sagen und Vieles vorschlagen, was uns gut täte. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die zwischenmenschliche Kommunikation ein Schlachtfeld oder ein Ort der friedvollen Begegnung sein kann. Wir alle wissen, wie häufig das Letztere misslingt.

Was aber ist der Schlüssel des Gelingens und worin liegt die Möglichkeit, Kommunikation zur spirituellen Praxis zu machen? Die Antwort ist tiefgründig und einfach zu gleich. Die Antwort lautet: fragen und zuhören, echtes Fragen und wirkliches Zuhören.
Eine echte Frage ist eine Frage, die aus einer inneren Haltung der Unvoreingenommenheit und der Offenheit für jede Antwort gestellt wird, die mein Gegenüber geben wird. Wirkliches Zuhören ist die Fähigkeit, in der Antwort des anderen nicht nur seine Antwort mit liebevoller Neugier zu empfangen, sondern neben dem Verstehen des gesprochenen Wortes auch auf das zu lauschen, was das Leben mir durch die Seele dieses Menschen sagen möchte.

Das Ergebnis ist dann vielleicht ein Dialog im Sinne von David Bohm, also eine Kommunikation, in der die Beteiligten ihr Sein und Geworden-Sein zur Disposition stellen, um sich selbst in eine neue, gemeinsame Wirklichkeit hinein zu erneuern.
Nehmen wir uns immer öfter die Zeit, einem anderen Menschen in Offenheit zu begegnen, ihn vollständig neu zu entdecken!

3.    Liebevoll berühren

Es bleibt mir unvergessen, wie ein befreundeter Pastor in einem Workshop vorschlug, das Segnen nicht allein den Pastoren zu überlassen, sondern es in die eigenen Hände zu nehmen. Nachdem das erste Erstaunen gewichen war, begannen wir, uns gegenseitig zu segnen, in dem wir einen anderen Menschen in stillem Kontakt mit einem Tropfen wohlriechenden Öls an der Stirn berührten und einen Segenssatz dazu aussprachen. Segnen heißt, jemandem Schutz und Wohlergehen zu wünschen, in dem Wissen, dass die Erfüllung dieses Wunsches nicht allein in unseren Händen liegt. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass dieses Verschenken und Empfangen einer Segensgeste mich tief berührt und geprägt hat.

Und mir wurde noch im Moment dieser Erfahrung klar, dass dieses Segnen nicht nur stattfinden kann, wenn es als solches angekündigt wird, sondern etwas ist, was ich in jedem Moment verschenken kann, wenn ich einen anderen Menschen berühre, in meinen Armen halte, massiere oder zärtlich liebkose. Jede Berührung, die im Geist der Liebe und des Segnens gegeben und empfangen wird, ist im besten Sinn ein Gottesdienst.

Aber wir leben in einer berührungsarmen Welt, in der eine zärtliche Berührung eben nicht nur eine zärtliche Berührung ist, sondern schnell in einen Kontext von Beziehungserwartungen und sexuellen Angeboten gerückt wird. Die zärtliche Berührung hat ihre Unschuld verloren und wird  misstrauisch beäugt. Ich glaube, dass es viele mutige Menschen braucht, damit sie ihren natürlichen Platz im Rahmen einer leidenschaftlich-erotischen Spiritualität wieder einnehmen kann.

4.    Tanzen, tanzen, tanzen

Tanzen und Spiritualität? Was mag Nietzsche gemeint haben, als er seinen berühmten Satz geschrieben hat: „Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.“ Ich glaube, dass er genauso wie wir aus einer Sehnsucht nach einer lebendigen Spiritualität gefühlt haben muss.

Genaugenommen geht es natürlich nicht nur um das Tanzen. Ich verstehe das eher als ein Plädoyer für die Freude an Bewegung, die Freude an unserer Körperlichkeit. Und die wird besonders  deutlich, wenn ein Mensch mit jeder Zelle seines Körpers tanzt.
Wenn wir vom Tanzen sprechen, dann geht es uns nicht um die korrekte Ausführung von Schritten und Bewegungen, sondern um das Loslassen in das eigene Körperselbst, in dem man von einem Menschen wahrscheinlich mehr erkennen kann, als Worte es jemals ausdrücken könnten. Dieses Tanzen bedeutet, sich so zu zeigen, wie man ist.

5.    Still sein

Ein unverzichtbarer Teil einer leidenschaftlichen Spiritualität ist das Innehalten, das Still-werden. Ja, Leidenschaft und Stille sind Geschwister.

Ich erinnere mich an einen zehntägigen Workshop mit Dr. Richard Moss, der den Titel „Radical aliveness“ trug. Ich war noch nicht einmal 40 Jahre alt und bin mit der Vorstellung dorthin gefahren, alles, was noch in mir lebendig werden könnte, auch lebendig werden zu lassen. Und dabei dachte ich vor allem an äußere Dinge, an alles, was man tun kann.

Welch ein Erwachen, als ich erfuhr, dass einige der Workshop-Tage einfach der Stille gewidmet waren: keine Übungen, kein Kontakt, Zeiten für gemeinsame Meditation. Radical aliveness? Ich war enttäuscht, verärgert, verstört. Bis ich anfing, mir selbst in dieser Stillezeit so intensiv wie nie zuvor zu begegnen. Es war so, als würden sich meine Gedanken und Gefühle neu ordnen und sich etwas Wesentliches in mir verändern. Vielleicht bin ich vor allem bescheidener geworden, einfacher und dankbarer. In diesen Tagen habe ich verstanden, was es bedeutet, still zu werden.

Eine Spiritualität, die keine Zeiten der Meditation, der Besinnung oder der Andacht beinhaltet, kann ich mir heute nicht vorstellen. Irgendwie verbirgt sich in der Stille ein unbenennbarer Schatz, eine Möglichkeit hinter unseren ständig Gedanken produzierenden Vernunft-Geist zurückzutreten und – manchmal und meist erst nach einer gewissen Zeit der Übung – dem Leben ganz nackt und pur zu begegnen.

Diese besonderen Momente der Stille sind wie das Licht, das alles andere im Leben zum Leuchten bringt.

Schlusswort

Eine Spiritualität, die ins Leben wirkt, entspringt einem Bewusstsein, das sich – meist nach einem längeren Ringen – aus einer Selbstbezüglichkeit, einem vielleicht individuell und auch historisch notwendigen Egozentrismus gelöst und zugunsten einer Liebe zum Leben geweitet hat.

Spiritualität zeigt sich in einem Bewusstsein, das im Unendlichen zuhause ist und sich nicht vom Leben mit all seinen Höhen und Tiefen befreien will, sondern sich lernend darauf einlässt, um liebend darin zu bestehen.

Eine Spiritualität, die ins Leben wirkt, mündet in das, was wir als nächstes tun oder lassen, in die Art wie wir leben, wie wir mit anderen sprechen und ob wir uns Zeit nehmen, dort uns selbst zu erforschen und dort Trost zu spenden, wo das Leben ungnädigergewirkt hat als bei uns.

 

Stephan W. Ludwig

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Eine Spiritualität, die ins Leben wirkt (Teil 1)

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Wer würde bezweifeln, dass die Welt „ein bisschen schöner“ wäre, wenn die Menschen  – jeder für sich und in Gemeinschaft – öfter als bisher in Stille nach innen schauen würden und sich Zeit nehmen würden, das Wunder der Schöpfung dankbar zu würdigen. Ich glaube, dass man ohne Übertreibung sagen kann, dass die kollektive, gesellschaftliche Entwicklung unserer Zeit sich durch die Abwesenheit oder die fehlende Wirkmächtigkeit einer spirituellen Dimension in unserem Leben beschreiben lässt und dass es für die weitere Entwicklung des zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Miteinanders von größter Bedeutung ist, ob und wie wir eine spirituelle Dimension individuell und gemeinschaftlich kultivieren.

Meiner Meinung nach leidet die aktuelle Diskussion auch darunter, dass jeder für den schillernden Begriff „Spiritualität“ sein eigenes Verständnis voraussetzt, ohne genau hinzuhören, was der andere damit meint. Deshalb möchte ich mit einer Begriffsklärung beginnen.

Die Unterscheidung von Religion und Spiritualität

Unter einer Religion versteht man gemeinhin das geistige Fundament einer Glaubensrichtung, das sich in einer konkreten, gemeinschaftlichen spirituellen Praxis ausdrückt. Die großen Weltreligionen, das Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Taoismus und Buddhismus, sind dafür klassische Beispiele.

Religionen beziehen sich meist auf einen Gründer, berufen sich auf heilige Schriften und sind meist in wenig demokratischen Strukturen organisiert. Die Anhänger der Religion sind in der Regel stark mit den Grundüberzeugungen der eigenen Religion identifiziert, was eine mehr oder weniger starke Abgrenzung zu anderen, nicht der  Religion zugehörigen Menschen mit sich bringt. Auf diese Tendenz kann man natürlich kritisch blicken, weil sie – wenn auch in guter Absicht – eine  große Portion Trennungsenergie in die Welt bringt.

Gleichzeitig erzeugen Religionsgemeinschaften ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit und geben dem Einzelnen eine klare Orientierung im Denken und Handeln im Sinne eines Falsch-Richtig-Musters. Es sei jedem freigestellt, das als Vor- oder Nachteil zu verbuchen.

Spiritualität – diesen Begriff gibt es in vielen Sprachen nur im Singular – scheint aber auf etwas hinzuweisen, das innerhalb und jenseits der konkreten Religionen existiert. Vielleicht kann man das Verhältnis von Religion und Spiritualität in einem Bild verdeutlichen, in dem die Religionen als unterschiedliche Türen zu ein und demselben Raum zu verstehen sind.

Mir geht es in diesem Text um einen religionsfreien Raum, in dem spirituelle Erfahrungen ermöglicht werden, die imstande sind, den Menschen zu verändern und zu erheben, die ihn seinem Selbst oder seinem Wesen ein Stückchen näher bringen und die ihn in seiner inneren Haltung und seinem Handeln nachhaltig prägen.

Spirituelle Erfahrungen können wie ein innerer Öffnungsprozess sein, der auf vielfältige Weise beschrieben wird: unendliche Weite, große Stille, kein Innen kein Außen, beheimatet und gleichzeitig völlig frei, ein Moment großer Fülle und gleichzeitig ist gar nichts da. Und all das verbunden mit Gefühlen von Demut, Ehrfurcht, Dankbarkeit und manchmal von heiterer Gelassenheit. Das kann Menschen verändern.

Die Abwendung von der Religion

Viele Menschen haben sich in den letzten Jahrzehnten von einer Religion, in die sie hineinsozialisiert worden sind, bewusst abgewendet. Man könnte sagen, dass sie sich von einer Form der spirituellen Praxis befreit haben, die nicht mehr zu ihnen gesprochen hat. Und vielleicht ist es so, dass einige den Unterschied zwischen der Form (außen, Religion) und dem Inhalt (innen, Spiritualität) nicht in ausreichendem Maße erkannt haben.

Einige mögen sich gesagt haben, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt, als den Besuch eines Gottesdienstes und dass man die Zeit, die man für spirituelle Praxis aufwendet, irgendwie „besser nutzen“ könnte. Diese Lebenshaltung, die ich im  Juli-Newsletter im Zusammenhang mit den Schlüsselbegriffen „Steigerungslogik“ und „Optimierungswahn“ angesprochen habe, ist immer noch weit verbreitet und hat dazu geführt, dass Menschen das Spirituelle in ihrem Leben ganz abgeschafft haben.

Andere, die vielleicht intuitiv gespürt haben, dass mit der Abschaffung der Religion etwas Wertvolles verloren gehen könnte, haben begonnen – mehr oder weniger intensiv – nach Möglichkeiten zu suchen, wie man auf anderen Wegen ein spirituelles Leben führen kann. Daraus ist eine Vielfalt individueller Lebensentwürfe entstanden, die der spirituellen Dimension des Lebens einen kleineren oder größeren Platz einräumen.

Einerseits müssen wir akzeptieren, dass eine sich verändernde (oder eben nicht verändernde) Religion in einer sich verändernden Welt das Passungsverhältnis zu den Menschen verliert. Dass auch Religionen kommen und gehen, können wir im Kleinen und im Großen beachten, wenn wir den Blick auf die gesamte Menschheitsentwicklung weiten:  „Anthropologen schätzen, dass es im Lauf der Menschheitsentwicklung 100.000 Religionen gegeben haben mag, …“  (GEO 0I/2015, S. 119).

Anderseits birgt die individuelle Abwendung von einer Religionsgemeinschaft die Gefahr, dass man nicht nur die Form verliert, sondern auch den darin geborgenen Inhalt. In diesem Fall: dass es nicht gelingt, Spiritualität als erhebende und auch im guten Sinn begrenzende Kraft im eigenen Leben zu verankern, sondern sie einfach als einen weiteren, zur Disposition stehenden Lebensbereich der Work-Life-Balance mitverwaltet. Der neu gewonnene individuelle Gestaltungsspielraum führt nicht selten in Zustände der Orientierungslosigkeit und Resignation.

Die Sehnsucht ganz zu werden

Die Menschen, die unsere  Arbeit schon länger begleiten oder von ihr begleitet werden, wissen, dass die dem Menschen innewohnende „Sehnsucht ganz zu werden“ zu den Grundmotiven unseres Menschenbildes gehört. Man kann sagen, dass diese Sehnsucht sich immer wieder im Leben eines Menschen ausdrücken will: als der Wunsch, ganz mit einem anderen Menschen eins zu werden, in der Meditation ganz zu sich zu kommen und sich verbunden zu fühlen oder im Musikhören ganz in der Musik aufzugehen. Dafür ließen sich viele Beispiele finden. Im Innersten ist diese Sehnsucht ein spiritueller Impuls.

Eine weitere Folge der Abwendung von der Religion kann darin bestehen, dass diese Sehnsucht nach Ganzheit keinen adäquaten Raum findet, in dem sie sich zeitweise erfüllen kann. Denn eine beseelende, spirituelle Praxis ermöglicht Erfahrungen des Ankommens, des Erlebens von Verbundenheit und Ganzheit, die zu dem Hasten, dem Suchen und dem Ringen des Alltagslebens ein für die seelische Gesundheit wichtiges Gegengewicht bilden.

Bleibt diese zutiefst menschliche Sehnsucht unerfüllt, können wir beobachten, dass Menschen sich mehr und mehr von den inneren Dimensionen des Lebens abwenden und als „Funktionsmenschen“ einen Großteil ihrer Energie in das Gestalten der äußeren  Welt investieren. Man kann sagen, dass die Erfolgsvorstellungen unsere Gesellschaft diese Entwicklung eher fördern und dass der Einzelne dadurch viel Bestätigung erfahren kann. Beklagt werden dann erst die Symptome dieses Ungleichgewichts: Sinnverlust, Burnout und Depressionen.

Oder diese unbefriedigte Sehnsucht wird von Marketingspezialisten dazu benutzt, die Aufmerksamkeit auf Konsumgüter zu lenken, die in irgendeiner Weise suggerieren, dass man durch den Kauf besser, schöner, vollständiger, ja vielleicht sich selbst sogar näher sein könnte. Und die verzweifelte Seele – die vielleicht gar nicht um ihre Verzweiflung weiß – greift nach jedem Strohhalm und erlebt schmerzvoll, dass man sich daran nicht festhalten kann.

Aber auch wenn der einzelne sehnsuchtsgetriebene Mensch, der den Versprechungen und Versuchungen der Konsumwelt widersteht und sich nach einem Rahmen für sein spirituelles Leben umschaut, steht er vor einer breiten Angebotspalette, die das große Spektrum vom kurzzeitigen Aufenthalt in einem Kloster, über Meditationskurse, Schweige-Retreats bis hin zum spirituellen Coaching umfasst. Nach welchen Kriterien entscheide ich mich für welches Angebot?

Das Dilemma: Das Ich in der Anmaßung

Meiner Meinung nach entsteht genau an diesem Punkt das Dilemma. Ein Ich entscheidet, was zu ihm passt. Und wer wollte das jemandem verdenken? Und dennoch birgt dieser Entscheidungsspielraum die Gefahr, dass der eigene Befindlichkeitskompass das Verhalten bestimmt und nach Gutdünken Kursänderungen vornimmt wie den Wechsel der spirituellen Gemeinschaft, die Relativierung der Zugehörigkeit oder das zeitweilige Zurückstellen dieses Lebensbereiches.

Und genau dann, wenn das ich-zentrierte Bewusstsein Befindlichkeiten verwaltet, wird deutlich, dass spirituelle Entwicklung notwendigerweise der Hingabe und wenn man so will, der bewussten Unterwerfung unter die Struktur einer spirituellen Praxis bedarf. Damit das „Ich“ den Kopf senken darf, die Gnade einer inneren Öffnung erfährt und sich von der Schönheit der Schöpfung inspirieren lässt.

Es geht in einer erwachsenen Spiritualität eben nicht darum, was „ICH“ will, sondern eher darum, wem oder was ich diene. Eine spirituelle Lebenshaltung können wir als lauschend beschreiben, und wenn wir das Spirituelle natürlich in unser  Leben einweben wollen, dann können wir unser gestaltendes Mitwirken in der Welt am besten als ein Lausch-Handeln beschreiben. Mitzuwirken ist nicht Überhebung.

Das ist Spiritualität: Die Öffnung für das unermesslich Größere, von dem ich ein wichtiger, gewollter und gleichzeitig winziger Teil bin.

Das Dilemma der verlorenen Spiritualität äußert sich in Gefühlen innerer Vereinzelung, in einer überzogenen Selbstbezüglichkeit und der Anmaßung des gestaltenden Ichs.

Wie ist es dazu gekommen?

Historische Einordnung

Prof. Dr. Claus Eurich, dem ich vor einigen Wochen in Münster anlässlich einer mehrstündigen Gesprächsrunde persönlich begegnen durfte, spricht in seinem Buch „Mensch werden“ (S. 58) von einem Befreiungsschlag der menschlichen Entwicklung, wenn er schreibt: „Das, was wir heute Aufklärung nennen, und was ursächlich mit dem Entstehen der modernen Wissenschaft verbunden ist, war angetreten, den Menschen aus der Furcht vor dem Unverstandenen zu reißen und ihn zum selbstbewussten Herrn der Geschichte zu erheben.“

Ich glaube, dass es unbestritten ist und bleibt, dass es sich um einen Fortschritt handelt, wenn der Mensch die entscheidenden Weichenstellungen in seinem Leben nicht mehr höheren Mächten anvertraut, sondern selbst dafür Verantwortung übernimmt. Anderseits muss man dem „selbstbewussten Herrn der Geschichte“ bescheinigen, dass er zu weit und zu lange unbeseelten Allmachtsfantasien gefolgt ist.

Und irgendwie hat diese fulminante Entwicklung der Technisierung (die den Menschen von der Arbeit befreien sollte, ihn jetzt aber fast überflüssig macht), des Wachstumszwanges und der Dominanz des Materiellen das Ziel der zunehmenden Lebensqualität für viele Menschen nur teilweise erreicht. Man kann sogar sagen, dass sie in materieller Hinsicht über das Ziel hinausgeschossen ist. Einige Autoren schreiben schon Ratgeber mit dem Titel „Befreiung vom Überfluss“ (Nico Paech). Ja, man kann darunter leiden! Genau genommen natürlich nicht am Überfluss, sondern am Umgang mit den materiellen Möglichkeiten. Und noch genauer: am Mangel an spirituellem Erleben.

Die Entwicklung des Menschen zum selbstbewussten Herrn der  Geschichte hat sein  moderierendes Gegengewicht verloren: eine Spiritualität, die ins Leben wirkt.

Ausblick

Im nächsten Newsletter werde ich die folgenden Themen vertiefen:

  • Wege spiritueller Entwicklung
  • Die Humanismus-Falle
  • Das Selbstkonzept des Menschen als Wendepunkt
  • Elemente einer sinnlich-leidenschaftlichen Spiritualität
  • Spiritualität in der Integralis® Methode

 

Stephan W. Ludwig

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Körperbewusstsein als Ausweg aus der Steigerungslogik

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig und Dorte Pflüger

Einleitung

Im Begrüßungstext habe ich von einer Steigerungslogik gesprochen, mit der sich meiner Meinung nach eine Facette unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation gut beschreiben lässt. Unser Handeln wird von der fixen Idee geleitet, dass ein gutes Leben ohne Wachstum nicht funktionieren würde und gleichzeitig wird ein „immer-mehr-immer-weiter-immer-höher“ ungeprüft mit „immer besser“ gleichgesetzt.

Die Ahnung, dass dieser Weg einem glücklichen Leben nicht uneingeschränkt zuträglich ist, verdichtet sich auch gesamtgesellschaftlich immer mehr zu einer Gewissheit.

In diesem Newsletter möchte ich erläutern, wie die angesprochene Steigerungslogik als ein Symptom einer misslungenen Körper-Geist-Integration verstanden werden kann. Folgerichtig plädiere ich für eine neue Kultur der beseelten Körperlichkeit.

Die notwendige innerseelische Hinwendung zur Körperlichkeit menschlicher Existenz beginnt mit der Schulung des eigenen Körperbewusstseins und mit der Bereitschaft, den dort zu hörenden Botschaften im eigenen Leben mehr Gewicht zu geben. Ich habe die Hoffnung, dass diese demütige – und gleichzeitig lustvolle! – Ausrichtung des Bewusstseins auf den physischen Körper als heilendes Regulativ für ausufernde Entwicklungen eines in die „Welt der unbegrenzten Möglichkeiten“ verliebten Ich-Bewusstseins wirksam werden kann.

Symptome einer misslungenen Körper-Geist-Integration:
Steigerungslogik und Optimierungswahn

Einerseits kann man feststellen, dass sich heutzutage mehr Menschen um ihren Körper, um seine Wehwehchen, sein Wohlbefinden und seine nachhaltige Funktionsfähigkeit  kümmern als jemals zuvor. Eigentlich eine gute Entwicklung, könnte man meinen.

Weil der Impuls aber nicht aus einer ganzheitlichen und lebensverbundenen inneren Haltung entspringt, führt diese Hinwendung zum Körperlichen eben nicht zu einer verfeinerten Selbstwahrnehmung, einer differenzierten Empfindungsfähigkeit und innigeren Kontakten, sondern zu neuen Produkten der Selbstoptimierung und einer Steigerung des Bruttosozialprodukts. Die Hinwendung zum Körper bleibt dabei in der Körper-Geist-Trennung mit einer vorherrschenden Ich-Bezogenheit verhaftet, was sich in vielen alltäglichen Formulierungen widerspiegelt: Wir kümmern uns um unseren Körper, tun ihm etwas Gutes, entgiften und trainieren ihn usw.

Genau genommen verbirgt sich hinter der Selbstverständlichkeit, mit der wir diese Formulierungen gebrauchen, ein gut gemeintes Betreuungsverhältnis:  ein Ich-Bewusstsein, das sich um sich und seinen Körper sorgt und kümmert und eben nicht ein Menschen, „der sein Körper ist“. (Und weil man den inneren Dialog zwischen Ich und Körper kaum charmanter beschreiben kann als Robert Gernhardt in seinem Gedicht „Noch einmal: Mein Körper“, das Sie wahrscheinlich in der Rubrik „Am Rande“ schon gelesen haben.) Da ich vermute, dass viele Menschen sich der gleichzeitig individuellen und gesellschaftlichen Konsequenzen der misslungenen oder unvollständigen Körper-Geist-Integration nicht voll bewusst sind, möchte ich einige Symptome auflisten, in denen die Trennungsenergie sichtbar wird.

  • Das offensichtlich unerfüllte körperliche Bedürfnis nach Entspannung und nicht-sexueller, liebevoller Berührung hat zu einem blühenden Wellness-Markt mit einer verführerischen, das Ego umschmeichelnden Produktpalette geführt.

  • Die Ratgeber-Literatur für ein gesundes Leben füllt Regalwände. Warum brauchen wir Bücher, in denen steht, wieviel Wasser wir pro Tag  unserem Körper zuführen sollen, obwohl wir doch mit einem Durstgefühl ausgestattet in das Leben gestartet sind. Ist das so unzuverlässig?

  • Nie waren die Ansprüche an das Aussehen des eigenen Körpers höher als heute und eine sogenannte Schönheits-Chirurgie bemüht sich um die Anpassung der individuellen Einzigartigkeit an kopfgeborene Schönheitsstandards, die niemanden so berühren wie ein beseelter Augen-Blick, der sich seinen Weg durch ungeliftete Lider bahnt.

  • Unter der Überschrift „Best Ager“ werden alle Kräfte gegen das Sichtbarwerden des  körperlichen Alterns mobilisiert, so als sei dieser Vorgang ein Feind des Lebens und nicht Teil desselben.

  • Im immer häufiger werdenden Workaholic-Syndrom wird der Körper einem Leistungsdiktat unterworfen, ohne zu klären, wem die Optimierungsbemühungen der eigenen Leistungsfähigkeit eigentlich dienen. In China werden Arbeitnehmer sogar darauf trainiert, weniger zu schlafen, – und man glaubt es kaum – um mehr arbeiten zu können.

  • Der häufig auch so benannte Medizinapparat bekämpft mit allen Mitteln den Tod, wertet Lebensverlängerung als Punktsieg und beseitigt die Spuren ihrer Niederlagen aus dem Sichtfeld der Allgemeinheit. Dürfen wir nicht sehen, dass wir sterbliche Wesen sind, weil wir dann vielleicht andere Prioritäten setzen würden?

Die Liste ließe sich sicherlich verlängern, was an dieser Stelle aber nicht notwendig ist. Man kann deutlich erkennen, dass sich in unserem Alltagsleben irgendetwas von unseren ureigenen Bedürfnissen entkoppelt hat und jetzt einer Eigendynamik folgt, die eine Welt hervorbringt, in der zu wenige glücklich-strahlende Menschen leben und in der sich nicht mehr die Schönheit der Schöpfung spiegelt.

Die Schätze des Körpers in integraler Sicht

Natürlich müssen wir uns jetzt fragen, wie wir eine gelingende Körper-Geist-Integration erreichen und was wir dafür tun können. Zunächst möchte ich das Verständnis der körperlichen Ebene menschlicher Existenz im Rahmen der Integralis Methode vertiefen.

  • Unser physischer Körper verbindet uns unmittelbar mit der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten. Und vielleicht hat die verkümmerte, spürende Körperlichkeit und Sinnlichkeit in der westlichen Welt ihre Entsprechung im respektlosen Umgang mit der Natur und den natürlichen Ressourcen?

  • Unser Körper ist immer mit der Gegenwart befasst, ist immer im Hier und Jetzt. Der Vernunft-Geist liebt es, die Vergangenheit zu reflektieren und die Zukunft zu antizipieren, das Leben zu verstehen und manchmal auch zu kontrollieren.

  • Unser Körper ist der Ort des lustvollen Genießens und der körperlichen Liebe.

  • Der Körper macht uns unsere Grenzen und unsere Begrenztheit bewusst, auch wenn das in jungen Jahren bei den meisten Menschen weniger ins Bewusstsein kommt als in der zweiten Lebenshälfte.

  • Unser Körper ist sterblich; er lädt uns ein, in demütiger Selbsteinordnung zu leben und die Schöpfung zu achten.

  • Unser Körper ist ein Wunderwerk der Anpassung an unterschiedliche Umwelten und ihre Bedingungen und in diesem Sinne vielleicht weise zu nennen.

  • Unser Körper verarbeitet eine riesige Menge von Informationen und ist dem Vernunft-Geist in der Komplexitätsbewältigung wahrscheinlich überlegen.

Schritte zu einem differenzierten Körperbewusstsein

Der erste praktische Schritt einer beseelten Hinwendung zur körperlichen Ebene unseres In-der-Welt-Seins besteht in einer bewussten Entscheidung, sich für die Körperselbstwahrnehmung Zeit zu nehmen. Interessanterweise ist diese bewusste Entscheidung, mit der die Hinwendung beginnt, eine Ich-Leistung.

Zahlreiche meditative Wege kultivieren dieses Element, in dem sie uns z.B. einladen, die Augen zu schließen und eine Zeit lang den eigenen Atem zu beobachten. Betreiben wir diese Form der entspannten Aufmerksamkeitsfokussierung in einer gewissen Regelmäßigkeit, so verfeinert sich unsere Wahrnehmung körperlicher Empfindungen, sie wird reicher und sprechender und im Laufe der fortschreitenden Praxis mehr und mehr zu einem natürlichen Daseinsmodus – für den wir irgendwann nichts mehr tun müssen.

Dann – in einem fortgeschrittenen Stadium – hören wir die viele Impulse und Botschaften aus unserer Innenweltwahrnehmung so als würden wir zu uns selber sprechen. Und wieder ist das Ich gefordert, ihnen bewusst und lebensdienlich einen angemessenen Raum zu geben. Und das heißt im Verständnis der Integralis Methode eben nicht, jedem inneren Impuls und jeder wahrgenommenen Befindlichkeit handelnd zu folgen. Eine übermäßige Fokussierung auf körperliche Befindlichkeiten kann sogar selbst zum Symptom werden und die Entwicklung zu einer starken Persönlichkeit behindern oder gar verhindern. Uns geht es vielmehr um eine verantwortungsvolle Ausrichtung auf ein erfülltes Leben für sich und für andere und um eine sich fühlend und mitfühlend entfaltende gemeinsame Lebensbewegung, in der die eigenen Schätze ins Leben und zum Leuchten gebracht werden können.

Die gelingende Körper-Geist Integration – woran man sie erkennen kann

Wenn ich an Menschen denke, die ganz in ihrem Körperselbst angekommen sind, wie es in bestimmten Workshops oder auch in anderen intensiven körperlichen Erfahrungen geschehen kann, dann sehe ich genau dieses Leuchten: So als würde in diesem Menschen innerlich etwas pulsieren, das sich in Gestik und Mimik als Lebendigkeit und Freude ausdrückt und die Augen zum Leuchten bringt.

In diesem Zustand gedeiht Freude an Bewegung und Berührung und Menschen reagieren spontan und angemessen, ohne sich in Reflexionsschleifen zu verheddern: Der Körper weiß schon die Antwort, während der Vernunft-Geist noch analysiert. In diesem Zustand gedeiht eine unangestrengte und unvermittelte Liebe zu allem Lebendigen, zu allem, was in gleicher Weise lebendig ist, wie man selbst. Eine fürsorgliche Haltung gegenüber anderen Menschen und der Natur sind ihre natürliche Folge.

Joseph Campbell, der amerikanische Mythenforscher, drückt das in folgenden Worten aus:

„Was wir suchen, ist die Erfahrung, lebendig zu sein. Und zwar so,
dass die Erfahrung des Lebens auf der physischen Ebene zugleich
unser innerstes Wesen und unsere innerste Realität berührt und wir
die Ekstase fühlen, lebendig zu sein.“

Aber auch die Fähigkeit, körperlichen Schmerz und seelisches Leid, die ja durch eine gelingende Körper-Geist-Integration nicht eliminiert werden, in Würde zu tragen, gehört zu den Dingen, an denen man eine gelungene Körper-Geist-Integration erkennen kann. Gerade diese schwierigen Gefühle und Erfahrungen relativieren die manchmal anmaßende Weltsicht des Vernunft-Geistes und machen uns die existenzielle  Fragilität der menschlichen Existenz bewusst. Sie öffnen auch die Tür zu einem Vergänglichkeitsbewusstsein, das unserem Leben Tiefe geben kann und uns hilft, Besonnenheit, Gelassenheit, Weisheit und würdevoller Bescheidenheit zu kultivieren.

Körperbewusstsein und Beziehungskompetenz

Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass diese individuellen Veränderungen sich unmittelbar auf die Art und Weise auswirken, wie wir uns in Begegnung und Beziehung verhalten und wie wir sie gestalten. Freiheit in Beziehung, etwas das sich vielleicht jeder wünscht, beginnt mit der Befreiung des Körperausdrucks und dem Sichtbarwerden der eigenen Gefühle. Und nicht selten berichten Menschen davon, dass sie nach transformierenden körpertherapeutischen Übungen, sich leichter in zwischenmenschlichen Kontakten bewegen und überhaupt, den  Kontakt mit anderen Menschen freudvoller und bereichernder erleben konnten.

Ich vermute, dass ein Teil der geleisteten Arbeit auch darin bestand, dass man sich wirklich abgrenzen kann. Und auch das lernt man auf freudvolle Weise eher „körperorientiert“ als durch schlaue Analysen.

Der richtige Rahmen für aufregende Körpererfahrungen

Für die Erforschung des eigenen Körperselbst braucht man Vertrauens- und Entwicklungsräume, in denen sich die erwachenden, manchmal ungezügelten Körperimpulse frei entfalten können. Diese manchmal abenteuerlichen Prozesse sind am besten in körpertherapeutischen Einzelsitzungen oder körperorientierten Workshops aufgehoben, in denen sie von erfahrenen Begleitern gehalten und verarbeitet werden können.

Die meisten Menschen begegnen an diesem Punkt einem nur schwer zu beherrschenden Kontrollzwang, der natürlich bestimmte Ängste ummantelt, die ernst genommen werden wollen und müssen. Aber wie wollen wir neue Dimensionen des Erlebens und Verhalten erforschen, wie können wir die Gewässer des Gewohnten und Vertrauten verlassen, ohne mit schwierigen Gefühlen in Berührung zu kommen?

Für mich persönlich war an dieser Stelle der Hinweis einer meiner Lehrer hilfreich, der Angst und Lust als zwei Seiten ein und derselben Medaille beschrieb. Dann besteht die Aufgabe darin, die Medaille zu drehen oder sie von der anderen Seite zu betrachten. In jedem Fall aber behielt jede Seite ihre Berechtigung und bleib Teil meines Lebens. Das fand ich attraktiv und motivierend, um auch in schwierigen Situationen den Blick auf das lebendige und lebenswerte Neue in meinem Leben aufrecht zu erhalten.

Schlusswort

Im Rückblick auf meine Jahrzehntelangen Erfahrungen mit körperorientierter Persönlichkeitsentwicklung kann ich sagen, dass ich einige der bewegendsten und nachhaltigsten Entwicklungsschritte auf meinem Weg in intensiven und manchmal überwältigenden Körpererfahrungen gemacht habe. Und dass ich es noch nie bereut habe, mit ungewöhnlichen Körperübungen zu experimentieren.

In diesem Sinne möchte ich Ihnen Mut machen, sich in einem guten Rahmen auf die spannende Reise hin zur Befreiung der körperlichen Erlebnisfähigkeit einzulassen oder sie weiter zu verfolgen und zu vertiefen. Ich bin sicher, dass dort auch für Sie viele kostbare Schätze zu heben sind, die Ihr ganz persönliches Leben und Ihre zwischenmenschlichen Begegnungen und Beziehungen beleben und bereichern werden.  

Dorte Pflüger & Stephan W. Ludwig

Direktkontakt Stephan W. Ludwig:
Telefon: 04543-891542
E-Mail: ludwig@integralis-akademie.de

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Renaissance der Resonanzfähigkeit

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig und Dorte Pflüger

In den ersten beiden Newslettern und auf dem Themenabend haben wir uns einerseits mit einer Analyse der gesellschaftlichen Situation in unserer westlichen Postwachstumsgesellschaft beschäftigt und haben andererseits das Wesen von Resonanzerfahrungen erforscht und zu fassen versucht. Dabei wurden Resonanz und Entfremdung als zwei wesentliche Modi der Weltaneignung bzw. Weltbegegnung des Menschen aufgefasst.

Zugrunde lag die Hypothese, dass die Postwachstumsgesellschaft mit ihrem Optimierungszwang und ihrer an wirtschaftlichem Erfolg ausgerichteten Höher-Schneller-Weiter-Logik zu einem Überhandnehmen von Entfremdungserfahrungen und in der Folge in eine Art kollektiver seelischer Erstarrung führt. Dies, so weiter unsere Annahme, lässt ein Vakuum entstehen, das sich in einem nächsten gesellschaftlichen Entwicklungsschritt, einem weit reichenden Paradigmenwechsel in irgendeiner Weise wird füllen wollen und müssen.

Dieses Vakuum beschreibt der Dalai Lama sehr eindrucksvoll in dem folgenden Zitat:


„Der Planet braucht keine ‚erfolgreichen Menschen‘ mehr. Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Arten. Er braucht Menschen, die gut an ihren Plätzen leben. Er braucht Menschen mit Zivilcourage, bereit, sich dafür einzusetzen, um die Welt lebenswert und menschlich zu gestalten. Diese Qualitäten haben wenig mit der Art von Erfolg zu tun, wie er in unserer Kultur verbreitet ist.“
(Dalai Lama)


Im Begriff des „erfolgreichen Menschen“ schwingt die gesamte an wirtschaftlichen Zielen und persönlichem Erfolg orientierte Lebensweise des heutigen Menschen in „unserer Kultur“, die der Dalai Lama als obsolet einstuft: Sie werden „nicht mehr gebraucht“. In der kontrastierenden Darstellung all dessen, was „es braucht“, erfahren die Ideale der Postwachstumsgesellschaft eine Charakterisierung als entseelt und unmenschlich.

Der Dalai Lama spricht von „Qualitäten“, die fehlen, die aber aus seiner Sicht erforderlich sind, um Mensch und Menschheit in eine „lebenswerte und menschliche“ Zukunft zu tragen.

Was sind das für Qualitäten? Was ist das allem Gemeinsame in den Aspekten, die der Dalai Lama in seiner weisheitsvollen Wärme hier anführt?

Im weitesten Sinne braucht es, so würden wir es übersetzen, einerseits Menschen, die mit sich selbst, anderen Menschen und der Welt, die sie umgibt, mitfühlend in Resonanz gehen können. Andererseits braucht es Menschen, die aus dieser Resonanzfähigkeit heraus mutig handeln und in der Welt wirksam werden.

Es braucht eine Renaissance der Resonanzfähigkeit des Menschen.


Der Mensch zwischen Resonanz und Entfremdung

Die Voraussetzung für Resonanzerfahrungen, so sagten wir, sei eine grundlegende Resonanzfähigkeit des Menschen, also die Fähigkeit, sich in seinem Inneren bewegen und berühren zu lassen, mit sich und seiner Umwelt im Gleichklang „zu schwingen“.
Der Mensch an sich ist zunächst einmal aufgrund seiner spezifischen Verfasstheit, Kraft seiner Trinität aus Körper, Geist und Seele, in vielfältiger Weise zur Resonanz fähig.

Er verfügt über die erforderlichen Voraussetzungen: einen entsprechenden Wahrnehmungsapparat, seelische Empfindsamkeit, einen physischen Leib aus schwingungsfähiger Materie, geistige Verarbeitungspotenziale etc. Der Soziologe H. Rosa formuliert gar die anthropologische Annahme: „Menschen sind konstitutiv auf […] Resonanz angewiesen.“
Mit dem gegensätzlichen Modus der „Entfremdung“ wird eine Erfahrung beschrieben, die Menschen insbesondere seit Beginn der bürgerlichen Moderne machen. Das vorbürgerliche Individuum wird von C. Taylor noch so beschrieben, dass sein Selbst „porös“ gegenüber der Welt war, womit eine gewisse Durchlässigkeit statt einer klaren Trennung zwischen Selbst und Welt gemeint ist. Das moderne Selbst dagegen ist „abgepuffert“, es schiebt eine Trennung zwischen sich und Welt.
Die Betrachtung des Menschen im Spannungsfeld zwischen Resonanz und Entfremdung kann man sowohl auf der Ebene des Einzelnen, also in ontogenetischer Sicht, als auch auf der Ebene der Menschheit, also in phylogenetischer Sicht, betrachten.

Resonanzfähigkeit des Menschen
Wenn Kinder auf die Welt kommen, empfinden sie sich zunächst als vollständig mit ihrer Umgebung verbunden und im Einklang. Der Welterfahrungs-Modus ist „Ich bin eins mit der Welt.“ Es ist der erste Entfremdungsprozess im Leben eines jeden Menschen, wenn dem Kind seine Seins-Qualität als Individuum, das sich der Welt gegenübergestellt sieht, zu Bewusstsein kommt. Kleinkinder sind in ihrer Wesenheit im höchsten Maße resonanzfähig. Sie versinken oft geradezu meditativ in der Betrachtung scheinbar banaler Vorgänge oder Gegenstände in ihrer Umwelt, sie gehen bis zur Selbst-Vergessenheit auf im Spiel und sind lange Zeit seelisch-symbiotisch so tief mit dem Wesen der Mutter verbunden, dass Erfahrungen der Mutter unmittelbare Resonanz auch im Kind erzeugen.

In Pubertät und Frühadoleszenz kommt es zu einer notwendigen Entfremdung von der Herkunftswelt, und wo sich der Mensch im weiteren Verlauf seiner Biografie mit seiner Resonanzfähigkeit verortet, hängt von vielfältigen Einflüssen ab.

Resonanzfähigkeit der Menschheit
In historischer Perspektive könnte man zu der Auffassung gelangen, dass die Menschheit in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr an Resonanzfähigkeit eingebüßt hat. Die Überbetonung des rationalen Pols seit Kant und der Aufklärung führte in der Folge zu wissenschaftstheoretischen und erkenntnisphilosophischen Positionen, welche sich bei der Erkenntnisgewinnung auf positive Befunde im Sinne von Messbarkeit stützen und transzendentale Begründungen verwerfen. Verkürzt könnte man sagen: Nur was messbar ist, existiert.

Diese Entwicklung und der damit einhergehende Prozess einer sukzessiven „Entspiritualisierung“ der Welt lassen vergessen, dass unsere Vorfahren über eine natürliche Hellsichtigkeit verfügten, dass sie intuitiv eingebunden waren in und Anschluss hatten an die „geistigen Welten“ und dass sie über umfangreiches Wissen auf dem Gebiet beispielsweise der Heilkunst bzw. einer ganzheitlichen Lebensweise verfügten, das sie aus der Erfahrung des Eingebundenseins in die Welt erlangten.

Es ist interessant zu beobachten, wie uralte Weisheiten und Lebenshaltungen beispielsweise aus der altindischen Yoga-Tradition oder den fernöstlichen Heilmethoden quasi eine Renaissance erleben. Es ist noch nicht allzu lange her, da wäre jemand, der sich in Meditation übt, als spirituell abgedreht bezeichnet worden; mittlerweile haben Yoga, Meditation, Shiatsu, Qi-Gong und Co. gesellschaftliche Akzeptanz erreicht und werden sogar durch das staatliche Gesundheitssystem gewürdigt.
Es scheint hier das Vakuum auf, von dem wir eingangs sprachen, die Zeit scheint reif, es ist allerorten spürbar.

Renaissance der Resonanzfähigkeit

Die Wiederentdeckung alter tradierter Lebens- und Heilkünste wurzelt in dem Erleben moderner Menschen, dass etwas fehlt, dass das Leben „zuviel“ ist. Oft ist übermäßiger Stress, eine Sinnkrise oder schlicht eine Überforderung mit der Komplexität des Lebens der Auslöser für die Entscheidung, sich mit Yoga, Meditation oder dergleichen zu beschäftigen oder sich alternativen Heilmethoden zuzuwenden.

Was aber wäre, wenn man an einem anderen Punkt ansetzte und grundsätzlicher von einer Wiederentdeckung der Resonanzfähigkeit des Menschen spräche, die nicht aus einer Defizitorientierung erwächst, sondern aus der Absicht, eine Vertiefung individuellen Erlebens zu kreieren und einen positiven Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel zu leisten?
Wir sind überzeugt, dass Resonanzfähigkeit geschult, entwickelt, wieder freigelegt werden kann.

Wie würde die Welt sich verändern, wenn immer mehr Menschen wieder immer mehr Anschluss an die eigene Resonanzfähigkeit bekämen?

Nehmen wir einmal das Beispiel „Erfolg“ und damit noch einmal Bezug auf das eingangs angeführte Zitat. Der Dalai Lama kritisiert die „Art von Erfolg […], wie er in unserer Kultur verbreitet ist“.

Was als Erfolg gewertet wird, ist gebunden an die Werte einer Gesellschaft. Diese wiederum, erwachsen aus kollektiv als richtig erachteten Überzeugungen, Glaubenssätzen und Denkweisen. Wenn die überwiegende Mehrheit eines Kollektivs beispielsweise die Überzeugung lebt: „Erfolg bemisst sich an wirtschaftlichen Kriterien“ oder „Ich habe Erfolg, wenn ich bekomme, was ich will“, dann kreiert dies eine spezifische Realität. Spannend ist doch jetzt die Frage: Was definiert ein Kollektiv, das überwiegend aus sehr resonanzfähigen Menschen besteht, als Erfolg?

Was meinen Sie?
Kennen Sie den Begriff der „kritischen Masse“? Darunter versteht man in Bezug auf soziale Systeme die Prozentzahl der Gesamtbevölkerung, die überzeugt handeln muss, damit sich eine gesellschaftliche Veränderung vollzieht. Was glauben Sie, wieviel Prozent müssten das sein? Diskutiert werden Prozentzahlen von 7-8%. In gewisser Weise darf uns das Hoffnung machen und es gibt den vielen kleinen Initiativen im „unsichtbaren Netzwerk der Veränderung“ einen Sinn.

Ausblick

Auf dem nächsten Themenabend wollen wir gemeinsam in verschiedene Bereiche gesellschaftlichen Lebens hineinblicken und uns mit der Frage beschäftigen, wie sich eine Renaissance der Resonanzfähigkeit des Menschen gesellschaftlich auswirken könnte.
Dabei lassen wir uns von zwei Betrachtungsweisen leiten:

  • Einerseits lassen wir uns darauf ein, in die Utopie hinein zu träumen und versuchen, möglichst konkrete Bilder von dem entstehen zu lassen, was werden könnte. Wir überlassen uns einem „motivierenden Sog aus der Zukunft“.
  • Andererseits fokussieren wir aber auch, was es braucht, um in einzelnen Bereichen ein resonantes Leben zu gestalten. Hier geht es um ein konkretes Verorten im Hier und Jetzt und damit auch um Handlungsbezüge und -impulse.

Lassen Sie uns gemeinsam einen kleinen Beitrag leisten, die 7% der kritischen Masse zu erreichen.

Bericht vom ersten Themenabend „Resonanz statt Entfremdung“

Trotz des Sturmes Niklas, der am Dienstagabend, den 31.3.15, seine volle Kraft entfaltet hat, haben sich 12 engagierte Menschen im Hamburger Institut zusammengefunden, um das große und vielschichtige Thema „Resonanz“ gemeinsam weiter zu erforschen.
Im einleitenden Vortrag wurde das Thema zunächst in einen gesellschaftlichen Kontext gestellt und zwei Grundgedanken wurden verdeutlicht, die wir hier gerne in einer Kurzform wiedergeben möchten.

1.    Die Postwachstumsgesellschaft ist in vielerlei Hinsicht endgültig an ihre Grenzen gestoßen. Wir befinden uns in der westlichen Welt quasi mitten in einem Übergang, in einem nächsten holonischen gesellschaftlichen Entwicklungsschritt, wie wir unser Zusammenleben in wirtschaftlicher, sozialer und zwischenmenschlicher Hinsicht gestalten wollen und werden.

Gesellschafterlicher Wandel

Wie das konkret aussehen könnte, das ist zum heutigen Zeitpunkt aber noch nicht zu erkennen. Allenfalls können wir kleine Puzzleteile identifizieren, die aber zusammen noch kein schlüssiges, zukunftweisendes Bild ergeben.  Damit ist genau die Situation gegeben, die wir als holonischen Entwicklungssprung bezeichnen: Das Vertraute wird immer dysfunktionaler und individuell auch unerträglicher. Der Ruf ins Neue ist unüberhörbar, aber das Neue ist nicht erkennbar und greifbar. Wir sitzen schon zwischen den Stühlen und mit großer Wahrscheinlichkeit wird das Vertraute zunehmend ungemütlicher werden. Die Frage ist, ob es uns als Gesellschaft gelingt, die Dynamik und die Richtung der Veränderung zu antizipieren und dann zu gestalten oder ob wir von immer größer und radikaler werdenden gesellschaftlichen Turbulenzen erfasst werden und uns dies in eine Situation hineinwirft, in der es das Vertraute nicht mehr gibt.

Integralis versteht sich in diesem Sinn als einen ganz kleinen Punkt in einem unsichtbaren Netzwerk der Veränderung, von vielen kleinen Initiativen, die – im Geiste verwandt und mit dem Blick in die gleiche Richtung – jeweils regional die eigene Arbeit machen und damit einen kleinen oder größeren Beitrag für eine Veränderung im Bewusstsein der Menschen leisten.

2.    Der aktuelle Veränderungsdruck lässt sich vereinfachend durch zwei Hauptkomponenten der Steigerungslogik der Wachstumsgesellschaft (immer mehr, immer weiter, immer schneller = immer besser) beschreiben: zunehmende Komplexität und zunehmende Veränderungsgeschwindigkeit (Dynamik).

Veränderungsdruck

Wenn die Komplexität und die Dynamik immer weiter zunehmen, dann versagen bewährte Denk- und Handlungsmuster und es kommt zu einer Überforderung. Ein Beispiel ist die Art, Entscheidungen zu fällen. Bei geringer Komplexität und Dynamik macht es Sinn, sich gut zu informieren und alle Aspekte abzuwägen, um dann – wann? – eine Entscheidung zu fällen. Wenn das irgendwann nicht mehr möglich ist, können sich Gefühle von Verunsicherung breit machen, man „ist mit dem aktuellen Problem noch nicht so weit“ und schon kommt die nächste Herausforderung, die eine Reaktion von uns verlangt. Um unter diesen Umständen im Sattel zu bleiben, brauchen wir bestimmte neue Kompetenzen wie z.B. Unsicherheitstoleranz, Chaoskompetenz und die Fähigkeit zur dynamischen Steuerung durch revidierbare  Richtungsentscheidungen. Fehlen diese Fähigkeiten einem Menschen und die Zeit ist zu knapp, um die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, dann droht ein Überlastungssyndrom wie Burnout und eine innere Abspaltung von innerseelisch relevanten Dimensionen. In diesem Sinne können wir in einem neuen ganzheitlichen Sinn von Gesundheit sprechen, der die  körperliche, die emotionale, die mentale und die seelische Gesundheit umfasst.

Auf dem Weg zu einer Definition

Der Versuch, den Begriff „Resonanzerfahrung“ zu definieren, hat auf dem letzten Themenabend in zwei Arbeitsgruppen zu Ergebnissen geführt, die ich hier in aller Vorläufigkeit in meinen Worten zusammenfasse und ergänzen möchte.
Eine Resonanzerfahrung berührt und ergreift den oder die beteiligten Menschen; sie erleben eine starke Verbundenheit mit sich selbst und allem Lebendigen in der umgebenden Situation. Diese Erfahrung wird als „vollkommen“ oder „in sich vollständig“ erlebt: Bewusstsein und Erleben sind vollkommen kongruent; es „fehlt nichts“.

Vielleicht lässt sich der offene, bejahende Bewusstseinszustand in einer Resonanzerfahrung in Anlehnung an einen bekannten Satz von Albert Schweitzer mit folgenden Worten beschreiben: ich bin Leben, das schwingen will, inmitten von Leben, das schwingen will.
Albert Schweitzer: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.

Weitere Charakteristika von Resonanzerfahrungen:

  • In einer Resonanzerfahrung ist der Mensch sich auf eine positive Weise selber nah; er erlebt sich als körperlich und seelisch lebendiges Wesen, das vertrauensvoll in der Welt beheimatet und verbunden ist.
  • Die Ich-Fokussierung des Bewusstseins und die damit verbundene Trennung des Ichs von der Welt tritt in den Hintergrund zugunsten eines Zusammenschwingens des individuellen Bewusstseins mit einer kollektiven Dimension des Bewusstseins
  • Das individuelle Bewusstsein ist besonders offen für die Wahrnehmung der eigenen inneren Regungen wie  Körperempfindungen, Stimmungen, Gefühle wie Demut und Ehrfurcht und seelische Bewegungen.
  • Resonanzerfahrungen folgen nicht der linearen Zeitlogik (Chronos) und werden nicht als „in der Zeit“ erfahren. Sie haben einen Geschmack von Ewigkeit.
  • Resonanzerfahrungen transzendieren mentale Fixierungen und Polarisierungen.
  • Resonanzerfahrungen sind Glücksmomente des Lebens, die sich zwar durch das Kultivieren einer bestimmten inneren Haltung begünstigen lassen, die aber nicht in mechanischer Weise herbeigeführt werden können. Dazu braucht es einen Funken „Gnade“

 

Mit herzlichen Grüßen

Dorte Pflüger & Stephan W. Ludwig

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E-Mail: ludwig@integralis-akademie.de

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Das Wesen der Resonanzerfahrung

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Die Erfahrung

Ein Mann und eine Frau stehen an einem geschützten Platz des großen Gartens des Seminarhotels „Sonnenstrahl“ in Süddeutschland. Der Mann hat die Augen geschlossen und tönt: lange dahin strömende Töne, die von weichen Bewegungen seiner Hände, seiner Arme und manchmal seines ganzen Körpers begleitet werden. Sie steht in seiner Nähe und schaut ihm gebannt und liebevoll zu.
Jeder verklingende Ton wird vom Einatmen in natürlichster Weise zum nächsten Ton getragen; weiter und weiter in unbekannte Klanglandschaften hinein.

Sie lauscht so fein auf seine Bewegungen und die Farben seiner Stimme, als würde etwas in ihr seine Töne mitsingen. Andeutungsweise folgt sie mit ihrem Körper seinen Bewegungen.

Aus der Ferne hat man das Bild eines Tanzes, in dem beide – er voran, sie ihm folgend – einer Partitur folgen, die so noch nie gesungen wurde.

„Intime“ Begegnung

Diese Szene ist Teil einer Übung im fünften Ausbildungsmodul der Integralis Ausbildung, in dem es unter anderem um die Erforschung der eigenen Stimme geht. Da es zu den Regeln dieses „Soundflows“ gehört, dass man keine Worte benutzt, dürfen und müssen wir dem anderen Menschen auf eine ganz besondere Art und Weise zuhören: sich für den anderen öffnen, ohne auf die übliche Weise zu verstehen, was in ihm geschieht und sich innerlich auf die Töne und Bewegungen dieses Menschen ganz und ohne Wertung einlassen.
Viele Menschen beschreiben diese Erfahrung als eine geradezu „intime“ Begegnung, in der man mitschwingend den anderen Menschen in sich spüren kann und ihn vielleicht tiefer erkennt, als wenn dieser Mensch in Worten über sich und seine Gefühle, Impulse und Gedanken gesprochen hätte.

Ich weiß, dass Menschen sich oft noch nach Jahren mit einem tiefen und fast ehrfürchtigen Gefühl an diese Erfahrung erinnern und an den Menschen, mit dem sie sie gemacht haben. Woran liegt das? Was ist das Besondere dieser Erfahrung? Was hat sich da in der Seele verankert?

Ich glaube, dass die Struktur dieser Übung Menschen in tiefe Resonanzerfahrungen einlädt.

Im letzten Newsletter schrieb ich über Resonanz und Entfremdung als gesellschaftliche Phänomene. Heute möchte ich die Lupe auf den Bereich der Resonanzerfahrung legen, in dem ich den Resonanzbegriff der Physik auf die Resonanzfähigkeit der menschlichen Natur übertrage und dann noch einmal detailliert auf die Resonanzebenen in der Soundflow-Übung zurückkomme.

. . . . .

Resonanz in der Physik

In der klassischen Physik versteht man unter Resonanz, wenn eine Anregungsenergie – oder einfacher gesagt ein Impuls – zum verstärkten Mitschwingen eines anderen, schwingungsfähigen Systems führt.

Außerdem lernen wir aus der Physik, dass die Frequenz der Anregung bei einer Frequenz des rezeptiven Systems liegen muss, damit wir von einem Resonanzphänomen sprechen können.

Resonanz ist also zunächst einmal das Mitschwingen eines schwingungsfähigen Körpers oder Systems und tritt ein, wenn die Anregungsfrequenz mit der Eigenfrequenz des Resonanzkörpers übereinstimmt. Man kennt das z.B. vom Stimmen eines Orchesters vor dem Konzert: Die Streicher stimmen ihre Instrumente nach Gehör und suchen nach dem Moment, in dem zwischen zwei gleichzeitig gespielten Saiten eine reine Quinte erklingt.

In der  Radiotechnik wird das Empfangsgerät auf die Frequenz der gesendeten Wellen eingestellt, damit Resonanz entsteht, d.h. ein klarer Empfang ermöglicht wird.

Resonanz als Metapher

Von dieser konkret physikalischen Betrachtung des Resonanzphänomens kann man nun den Blick weiten auf eine quasi metaphorische Verwendung des Begriffs. Denn der aus der Physik stammende Terminus wird im übertragenden Sinne für alle möglichen Formen von menschlichem Erleben verwendet. Unser Sprachgebrauch ist voll von Metaphern in dieser Richtung. So sprechen wir davon, dass etwas mit uns „in Resonanz geht“, wenn es innerlich Übereinstimmung erzeugt. Wir empfinden einen „Gleichklang“ mit einem anderen Menschen, mit dem wir uns wohlfühlen. Wir müssen uns auf eine neue Situation „einstimmen“, ein schönes Erlebnis „klingt in uns nach“ etc.

Sheldon Kopp, ein amerikanischer Psychotherapeut, findet eine wunderschöne metaphorische Beschreibung für das Forschen nach dem eigenen Daseinsgrund, das auch in diesem Wortfeld angesiedelt ist:

„Ich bin entschlossen, mich von den Tönen verwandeln zu lassen,
die aus der Stille meiner Seele aufsteigen,
und mein Herz soll die Melodie finden,
zu der ich mein Leben tanze.“

Die menschliche Natur ist offensichtlich in vielfältiger Weise resonanzfähig, d.h. – um noch einmal auf die physikalische Definition zurückzukommen –, dass verschiedene Formen von Anregungsenergie oder Impulsen potenziell zum verstärkten Mitschwingen des schwingungsfähigen Systems des Menschen führen können.

Welche Ebenen der menschlichen Existenz spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle, bzw. stehen damit in Verbindung?

Resonanzebenen im Soundflow

In der anfangs beschriebenen Übung können wir mehrere  Ebenen von Resonanz beobachten und somit exemplarisch beschreiben:

Die Eigenresonanz: Der tönende oder singende Mensch hört sich selbst; er geht hörend mit sich selbst in Resonanz. Darüber hinaus nimmt er seine eigenen Töne auch zellulär und körperlich wahr; der eigene Körper ist ein kraftvoller Resonanzraum für die eigenen Töne.

Über die Schallwellen, die der Mann tönend erzeugt, versetzt er seinen Körper, also Materie, das Physische seiner Existenz, in Schwingung. Die Vibrationen wirken tief in das Gewebe hinein, erreichen möglicherweise muskuläre Spannungen und bringen den Singenden, Tönenden darüber in Kontakt mit verschiedenen Emotionen, die vielleicht längere Zeit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle geblieben sind. Im Denksystem der Körperpsychotherapie gehen wir davon aus, dass in jedem verspannten Muskel ein festgehaltenes Gefühl stecken kann; im Soundflow kann es gelöst werden.

Die Stimme und mit ihr eng verbunden der Atem scheinen auf eine gewisse Weise als „Vermittler“, als Bindeglied zwischen Körper, Emotionen und Seele zu fungieren.

Die Begleiterin als Resonanzraum: Außerdem wird die Frau durch ihre liebevoll-aufmerksame, nicht eingreifende Begleitung zu einem Resonanzraum für den tönenden Mann: Sie hört ihn, sie fühlt ihn, sie spürt ihn körperlich über die Schallwellen und begegnet ihm seelisch auf einer feinen energetischen Ebene. Auch in ihr können die körperliche, die emotionale und die seelische Ebene in Resonanz gehen.

Die Feldqualität: Wenn zwei (oder mehr) Menschen fähig und bereit sind, sich in der beschriebenen Weise für eine gemeinsame Erfahrung zu öffnen, können wir beobachten, wie eine spezifische Feldenergie entsteht: eine energetische Resonanz zwischen zwei Menschen.

Dieses hochkomplexe Resonanzgeschehen führt zu einem sich immer mehr und mehr verdichtenden Feld seelischen Erlebens. Aus dem gemeinsam kreierten Resonanzerleben erwächst ein schöpferischer Entfaltungsprozess und zwar einerseits intrapersonell, also innerhalb der beiden beteiligten Einzelpersonen, und interpersonell, also im Geschehen zwischen diesen beiden. Gerade diese energetische Resonanz führt meines Erachtens zu einem als besonders tief und beseelend empfundenen Erleben der jeweils eigenen Existenz in der Resonanz mit sich selbst und mit dem anderen Menschen.

Menschen beschreiben das als beglückend, seelisch wohltuend, reich, belebend…

Die Welt ist Klang

Im ersten Newsletter habe ich behauptet, dass Resonanzerfahrungen den Nährboden für ein lebendiges und erfülltes Seelenleben des Einzelnen und für eine neue Beziehungskultur und ein friedvolles Miteinander bilden. Ich glaube, dass sich Menschen, in der individuellen oder gemeinschaftlichen Erfahrung von Resonanz tiefer mit der Welt verbinden und – auf eine fast magische Art und Weise – zugleich sich selbst ganz nahe kommen, so authentisch, wie es in einem bewussten Bemühen um Ganzheit kaum zu denken oder zu erreichen ist.

Wenn es stimmt, dass „die Welt Klang ist“ wie der bekannte Buchtitel von Joachim Ernst Berendt es behauptet, dann – so möchte ich ergänzen – ist ihre Sprache Resonanz.

Und wenn wir den Geheimnissen des Lebens auf die Spur kommen wollen, um das menschliche Miteinander Schritt für Schritt (wieder) zu beseelen, dann ist aus meiner Sicht die Erforschung von Resonanzphänomenen und Resonanzerfahrungen ein wichtiger Ausgangspunkt.

Ausblick

Der nächste Themenabend in Hamburg wird sich dem Austausch über dieses Thema widmen. Wir werden uns mit folgenden Aspekten um das Thema Resonanz und Entfremdung beschäftigen:

  • Symptome einer resonanzarmen Gesellschaft
  • Resonanzfähigkeit und wie sie entsteht
  • Bestandsaufnahme zur eigenen Resonanzfähigkeit
  • Resonanz-Verhinderer und Resonanz-Förderer
  • Folgen einer kollektiven Entfremdungsbewegung
  • In was für einer Welt wollen wir leben?

Und vielleicht kann der eine oder andere Aspekt für Sie auch der Ausgangspunkt für eine anregende Diskussion im Kreise Ihrer Freunde, Bekannten oder Weggefährten sein. Das wäre ganz in meinem Sinne.

Mit herzlichen Grüßen

Stephan W. Ludwig

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Leiter der Integralis® Akademie
Begründer der Integralis® Methode
Spezialist für Systemdiagnosen und Aufstellungsarbeit

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In was für einer Welt wollen wir leben?

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Die Integralis Bewegung – eine Zwischenbilanz

Wenn ich auf die Entwicklung des Integralis Netzwerks schaue, dann ist dort mehr entstanden als wir, die Gründer der Bewegung, es uns vor über 20 Jahren erträumt haben. Wir waren beseelt von der Idee, Erfahrungsräume zu schaffen, in deren Rahmen Menschen Inspirationen für ihren Weg zu einem gut gelebten Leben finden.

Diese Idee hat ihre Kraft entfaltet: In den Integralis Aus- und Weiterbildungen, den Workshops und Seminaren, haben viele Menschen sehr bedeutsame Erfahrungen gemacht und Entwicklungsschritte vollzogen, die ihnen neue Dimensionen von Lebens- und Beziehungsqualität eröffnet haben.

In den Integralis Regionalinstituten, auf Netzwerkkonferenzen und in vielen privaten Initiativen wie Freundeskreisen, Peergroup-Treffen und Jahrgangstreffen der Integralis Ausbildungsabsolventen wird die Integralis Beziehungskultur weiter gelebt und gepflegt. Und wahrscheinlich weiß ich nur von einem Bruchteil dessen, was wirklich geschieht. Ich halte es nicht für übertrieben, von einer Integralis Bewegung zu sprechen und freue mich über deren Wirksam-Werden in der Welt.

Integralis steht für Bewusstseins- und Persönlichkeitsentwicklung in unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen. Diese vollzieht sich in unserer Denkweise in folgendem Dreischritt:

  1. Aktive Verantwortungsübernahme für die eigene persönliche Entwicklung (Fühlen, Denken, Handeln), 

  2. Gestalten einer freudvollen und anspruchsvollen Beziehungskultur im persönlichen und beruflichen Umfeld,

  3. Teilhabe am gesellschaftlichen Veränderungsprozess durch das Einnehmen des eigenen Platzes in der Welt.

Der letzte Punkt ergibt sich natürlicherweise aus gelungener Persönlichkeitsentwicklung; in vielen Gesprächen mit verschiedenen Mitgliedern und  Freunden des Integralis Netzwerks spüre ich aber immer wieder den Wunsch und das Bedürfnis, diese gesellschaftliche Dimension von Bewusstseins- und Persönlichkeitsentwicklung intensiver aufzuspüren.

Und genau darauf möchte ich in diesem ersten und im nächsten Newsletter den Blick richten.

Gesellschaftlicher Wandel – In was für einer Welt wollen wir leben?

Wir leben in einer rasant sich verändernden Welt. Wohin man auch blickt, es ist spürbar, dass die Wachstumsgesellschaft mit ihrem Optimierungszwang, mit ihrer „Höher-Schneller-Weiter-Logik“ an eine Grenze gestoßen ist.

In den letzten Jahrzehnten des wirtschaftlichen Aufschwungs war das Streben nach mehr – mehr Reichtum, mehr Glück, mehr Erfolg – ein sehr zentrales Anliegen von großen Teilen der westlichen Gesellschaft. Doch wohin hat uns das geführt?

Sind die Menschen tatsächlich glücklicher? Ich meine, nein.

Die Beschleunigungsbewegung, die mit dem Aufblühen der Wachstumsgesellschaft einherging, scheint eher zu immensen Überforderungen zu führen. Wenn man sich umschaut, begegnen einem alle möglichen Indizien dafür: Zivilisationskrankheiten sind auf dem Vormarsch, immer mehr Menschen sind „ausgebrannt“ und erschöpft und nicht wenige landen im Burnout, die ständig geforderte Flexibilität und Veränderungsbereitschaft im Beruf belastet die Familien und führt zu einer Art modernem Nomadentum; existenzielle Sinnkrisen, hohe Scheidungsraten, scheiternde Beziehungs- und Lebensmodelle, das alles produziert die Wohlstandsgesellschaft, um nur einige Aspekte zu nennen.

Mir scheint, wir sind mit unserer westlichen Zivilisationsbewegung in eine Sackgasse geraten. Die Ursachen für diese Entwicklung sind komplex, und es ist hier nicht der Ort, den gesellschaftlichen Wandel in all seinen Facetten zu durchleuchten. Doch manchmal glaube ich zu sehen, dass es eine gemeinsame Wurzel, eine Art verbindendes Element in all den Entwicklungen gibt, die von einer sich mehr und mehr erschöpfenden Gesellschaft zeugen.

Der westliche Mensch hat aus meiner Sicht etwas fundamental Wichtiges verloren: Seine Resonanzfähigkeit. Die Fähigkeit in Resonanz zu gehen. Mit sich selbst. Mit anderen. Mit der Welt.
Wenn ich mit etwas in Resonanz gehe, dann erreicht es mich auf eine bestimmte Weise in meinem Inneren, ich spüre innerlich einen Widerhall oder ein „Zurückklingen“, was das lateinische „resonare“ eigentlich bedeutet. Jeder von uns kennt die Erfahrung, „eins mit sich zu sein“ oder sich mit einem anderen Menschen oder einem bestimmten Ort wie in einem „inneren Gleichklang“ zu fühlen.


Um diese Art von innerem Nachschwingen erleben zu können, muss ich mich aber öffnen können und muss bereit sein, das aufzunehmen, was mir da entgegenklingt. Dann entsteht Verbundenheit.

Flachland – wie wir uns selbst verlieren

Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs und der fortschreitenden Technisierung und Funktionalisierung aller Lebensbereiche ist der Mensch mehr und mehr in einer chronischen Fokussierung auf die Außenwelt und auf die materielle Seite des Lebens erstarrt und hat sich von sich selbst und vielen ihn umgebenden Lebensvorgängen entfremdet. Diese Außenorientierung des Bewusstseins kann nur zu einer Verflachung des Erlebens und zu einer Art seelischer Verarmung führen, die dann immer und immer wieder kompensiert werden muss und wird.

Und dafür hält die Konsumgesellschaft ja allerhand bereit: Besteht nicht jederzeit die Möglichkeit, sich mit beispielsweise einer ungesunden Fülle an Essen, an Konsumgütern, an Vergnügungsangeboten und an virtuellem Zeitvertreib soweit zu betäuben, dass die seelische Verarmung unserer Welt nicht mehr direkt erlebt wird? Aber wie „nährend“ ist das wirklich und auf Dauer? Und inwieweit kann es tatsächlich das ersetzen, was fehlt?

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder Menschen, die in einer tiefen Suchbewegung sind, oft wissen sie zunächst gar nicht, wonach. Es ist deutlich spürbar, dass in vielerlei Hinsicht ein Vakuum entstanden ist, und die Menschen sind auf der Suche nach etwas „Erfüllendem“.

Ein unsichtbares Netz – die Kraft der Veränderung

Auch, wenn es keine organisierte Gegenbewegung gibt, keine „Kampagne gegen die Entfremdung des Menschen vom Wesentlichen“: Vorboten einer aus meiner Sicht dringend notwendigen Veränderung sind doch spürbar. An vielen Orten, in unterschiedlichsten Zusammenhängen und Initiativen denken Menschen über gleiche oder ähnliche Fragen und Themen nach und suchen nach neuen Wegen, die uns aus der seelischen Erstarrung der Postwachstumsgesellschaft in eine von lebendigem Miteinander geprägte Welt führen.

Ich möchte, dass Integralis als Teil dieses größeren Netzes von Entwicklungsfäden einen Beitrag zu dieser Entwicklung leistet. Und wenn man unter einem Paradigma ein Bündel an Denkweisen, Fragestellungen und Leitwerten versteht, aus denen sich eine bestimmte Weltsicht ableitet, dann würde ich mir wünschen, dass man rückblickend vielleicht mit Blick auf diese Zeit des Umbruchs von einem weit reichenden Paradigmenwechsel sprechen wird, der eine völlig neue Form von beseelter und resonanter Beziehungskultur hervorgebracht hat: Resonanz statt Entfremdung.

Teilhabe am gesellschaftlichen Umbruch – Was können wir tun?

Wohin die Welt sich entwickelt, das liegt nicht nur in unserer Hand, sondern in unserer Verantwortung.

Den Beitrag, den Integralis leisten kann und auch schon leistet, könnte man mit den Worten „Beseelung der Welt“ oder „Stärken von Resonanzerfahrungen“ beschreiben. Und ich glaube zurecht sagen zu können, dass wir davon sehr viel verstehen und dass viele Menschen im Kontext von Integralis ihre Resonanzfähigkeit enorm steigern und neu in ihr Leben integrieren konnten.

Menschen, die sich der Entwicklung ihrer Potenziale widmen, die ihr Bewusstsein schulen und ihre Resonanzfähigkeit pflegen, stehen anders in der Welt; jede Veränderung im Inneren hat auch reale Konsequenzen im Außen.

Die Schulung der Resonanzfähigkeit ermöglicht tiefe Resonanzerfahrungen. Diese bilden aus meiner Sicht den Nährboden nicht nur für ein lebendiges und erfülltes Seelenleben des Einzelnen, sondern auch – auf kollektiver Ebene gedacht – für das Entstehen einer neuen Beziehungskultur in unserer Gesellschaft.

Darum möchte ich im Integralis Netzwerk nicht nur Räume schaffen, in denen wir uns mit gesellschaftlich relevanten Themen beschäftigen können, sondern auch untersuchen und erforschen, wie wir uns im Spannungsfeld von Resonanz und Entfremdung verorten. Vielleicht entstehen daraus weitere Impulse für jeden Einzelnen, für die Beziehungen, in denen er lebt, für die Gemeinschaften, in denen er wirksam ist.
Ich möchte heute schließen mit einem Zitat, das dem Schriftsteller und Philosophen Ralph Waldo Emerson zugeschrieben wird:

„Wie würden wir handeln, wenn die Sterne am Himmel nur einmal in 1000 Jahren am Himmel erscheinen würden?“

Stellen Sie sich das doch einmal vor. Mit welcher Achtsamkeit, mit welcher inneren Haltung und welchen Gefühlen würden Sie an diesem Abend den Blick zum Sternenzelt richten?
Und wenn Sie sich dieses Bild einmal so richtig auf sich wirken lassen, sind es dann noch dieselben Sterne, die Abend für Abend am Himmel erscheinen, während wir mit all den wichtigen Dingen unseres vollgepackten Lebens beschäftigt sind?

Vielleicht haben Sie ja Lust, die Resonanz dieser Worte in Ihrem Inneren in den nächsten Tagen zu erforschen oder mit einem Freund oder einer Freundin darüber zu sprechen, welchen „Sternen“ Sie in Ihrem Leben zukünftig – oder noch besser: ab sofort – mehr Bedeutung geben möchten.

Denn eines steht fest: Jede Veränderung in der Welt findet zunächst im Bewusstsein der Menschen statt.

In herzlicher Verbundenheit

Stephan W. Ludwig

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