Programmierte Gefühle

von Stephan W. Ludwig

 

Lob der Gefühle

Gefühle sind das Salz in der Suppe des Lebens; sie sind ein Teil des Lebens und unserer Lebendigkeit.

Leben bedeutet, der eigenen inneren und der äußeren Welt zu begegnen. Das was ein Mensch dabei erlebt, nennen wir Erfahrung. Jede Erfahrung kann körperliche Empfindungen, Gefühle und Gedanken auslösen. und jeder dieser „Resonanzkanäle“ kann mehr oder weniger geschlossen oder geöffnet sein. Heute wenden wir uns besonders der Fähigkeit zu emotionaler Resonanz zu, was die Bedeutung der anderen Ebenen aber nicht schmälern soll.

Geöffnet bedeutet, dass ich mich auf diesem Kanal tief in meinem Inneren erreichen lasse. Und grundsätzlich kann man sagen: Je größer die Offenheit, desto intensiver ist das eigene Erleben. Aber nicht jeder Mensch strebt nach emotionaler Intensität. Und das spielt besonders in zwischenmenschlichen Beziehungen eine wichtige Rolle.

Gefühl trifft Vernunft

In meinen Seminaren und Weiterbildungen begegnen mir Menschen, die das Erleben der Gefühle für das eigentliche Leben halten, weil es „Farbe“ in das Leben bringt. Sie haben in der Regel eine große Bereitschaft, „schwierige“ Gefühle genauso anzunehmen wie die leichten und die schönen Gefühle. Sie orientieren ihre Entscheidungen in hohem Maße an ihren Gefühlen und ihrer Intuition. Und es ist gesichert, dass Gefühle, die sich in einem entspannten Zustand innerer Achtsamkeit zeigen, gute Ratgeber und Wegweiser sind.

Anderen Menschen ist die Welt der Gefühle und der Intuition eher suspekt; sie haben Angst vor der Intensität und nicht selten vor dem Aufbrechen alter emotionaler Wunden. Sie orientieren sich eher an sogenannten Fakten und vernünftigen Argumenten; mit intensiver Emotionalität verbinden sie bewusst oder unbewusst eine Art Kontrollverlust, den Verlust der Fähigkeit, das eigene Leben zu steuern und nach den eigenen Wünschen zu gestalten.

Um es vorweg zu nehmen: Beide Haltungen haben ihre Berechtigung. Aber in der Kommunikation in Liebesbeziehungen und Lebenspartnerschaften kann es zum „Kampf zwischen Gefühl und Vernunft“ kommen, weil es schwer fällt, den Weltzugang des anderen anzuerkennen. Haltungen, Meinungen und letztlich Persönlichkeitsstrukturen können aufeinander prallen.

Programmierte Gefühle – die versalzene Suppe

Gefühle sind das Salz in der Suppe des Lebens. Einverstanden. Aber um ein schmackhaftes Mahl zuzubereiten, sollte man die Gefahren in der Anwendung und der Dosierung der Gewürze kennen.

Im übertragenen Sinne möchte ich damit sagen, dass man den eigenen Gefühlen nicht in jedem Fall vertrauen kann. Insbesondere müssen Gefühle, die sehr stark biografisch-programmiert und automatisiert sind, mit Vorsicht behandelt werden. Man erkennt sie daran, dass sie übermäßig mächtig werden und schwer zu kontrollieren sind. Wegen ihrer reflexhaften Auslösbarkeit nenne ich sie programmierte Gefühle. In der zwischenmenschlichen Kommunikation führen sie häufig zu Missverständnissen, destruktiver Kommunikation und Zerwürfnissen.

So gibt es zum Beispiel Menschen, die in ihrer Herkunftsfamilie immer am Rande standen und mit dem Gefühl aufgewachsen sind, nicht wirklich dazu zu gehören, in der Familie keinen Platz zu haben. Schließen sich solche Menschen in ihrem Erwachsenenleben einer Gruppe an, die ihnen wichtig ist, so kann es leicht passieren, dass sie das Wohlwollen und die Sympathie der anderen Gruppenmitglieder nicht in angemessener Weise wahrnehmen oder sie nicht annehmen können – und sich am Rande und ausgeschlossen fühlen. Die altgekannte Einsamkeit und Trauer wird sich ausbreiten; jede negative Äußerung der anderen wird überbewertet, jede positive überhört oder entwertet. Wir erleben das häufig in unseren Seminaren und Ausbildungsgruppen.

Der emotionale Rucksack

Vivian Dittmar bezeichnet die Gesamtheit der programmierten Gefühle als emotionalen Rucksack. Sicher ist, dass diese stark biografisch programmierten Gefühle keine guten Ratgeber und Wegweiser sind; sie sind auf Abwehr und Vermeidung ausgerichtet, kratzen an alten Wunden und reproduzieren alte Traumatisierungen.

Sie sind größer und mächtiger, als es der Situation und dem äußeren Anlass entspricht, weil sie nicht nur durch den aktuellen, äußeren Anlass ausgelöst werden, sondern zusätzlich und zugleich von innen durch eine alte emotionale Ladung aus der eigenen Vergangenheit befeuert werden. Es fühlt sich so an, als ob sich da in uns in Sekundenschnelle ein Unwetter zusammenbraut – und raus will. Betroffene können diese Gefühle schlecht kontrollieren und kaum relativieren.

Ansteckungsgefahr bei emotionalem Overload

Das Gegenüber wundert sich häufig zuerst über die Wucht der Botschaften und fragt sich, was da genau los ist. Nach einer Weile zeigt es sich aber, dass der „Emotionale Overload“ eine große Ansteckungsgefahr besitzt und über kurz oder lang komplementäre emotionale Muster beim Gegenüber bedient. Und dann beginnt das destruktive Ping-Ping-Spiel.

Bedürfnisse schaffen Verbundenheit

Das gesprochene Wort ist in solchen Situationen nur die polierte Oberfläche, unter der sich – meist recht basale – Wünsche und Bedürfnisse verbergen. Und nur über das Freilegen und Anerkennen dieser Bedürfnisse kann die zwischenmenschliche Verbindung wieder hergestellt werden.

Vielleicht ist dieser Erfahrungswert hilfreich. Im Gefühlspol verbergen sich vorrangig die Bedürfnisse nach Nähe und Unterstützung. Werden sie unklar oder indirekt ausgedrückt, dann werden die Botschaften vom anderen häufig als Bedrohung, Angriff oder Invasion aufgefasst. Die Reaktion ist dann Verteidigung und Abwehr.

Im Plädoyer für Sachlichkeit und Vernunft geht es häufig um Kontrolle, Sicherheit und Erfolg. Wird das unklar oder indirekt ausgedrückt, so werden sie vom Partner sehr leicht als Abweisung und Gefühlskälte empfunden.
Beharrt jeder auf seiner Position und gelingt es nicht, Bedürfnisse erfolgreich zu kommunizieren, dann vertiefen sich mit jeder Kommunikationsschleife die Gräben.

Lösungswege

Meiner Erfahrung nach führt die Fortführung der Kommunikation mit dem Ziel der Klärung nur selten zu befriedigenden Ergebnissen, wenn die Kommunikation bereits negativ belastet ist. Maja Storch, die Mitbegründerin des Züricher Ressourcenmodells, bestätigt das in ihrem Buch „Embodied Communication“. Metakommunikation sei wie Digitalis (ein hochgiftiges Herzmedikament) und es wirke nur in sehr kleiner Dosis heilend.

Hilfreich sind die Kenntnis und das Erkennen der Frühsymptome der Aktivierung stark programmierter Gefühle. Einige seien deshalb an dieser Stelle genannt:

  • Plötzlicher Stimmungswechsel. Was ist los, eben war es doch noch …

  • Die wohlige Entspanntheit ist weg; stattdessen empfindet man eine Festigkeit im Bauch-, Hals- oder Brustbereich

  • Rededrang: Man möchte jetzt unbedingt etwas sagen. Gibt man dem Impuls nach, so entstehen leicht Wiederholungen und Umschreibungen derselben Botschaften.

Unterbricht man die Kommunikation an dieser Stelle nicht, dann landet man mit großer Wahrscheinlichkeit in gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Heilend können in einem akuten Fall einer schwierigen Kommunikation einige Minuten der gemeinsamen Stille sein. Diese Zeit der Selbstbesinnung nimmt den inneren, autonomen emotionalen Bewegungen etwas von ihrer Wucht und hilft uns, die Welt wieder etwas differenzierter zu sehen und die eigenen Bedürfnisse hinter dem gesprochenen Wort zu erkennen. Manchmal schimmert in diesen Phasen gemeinsamer Stille sogar die Liebe durch.

Mittelfristig müssen biografisch stark programmierte Gefühlsmuster in der Beratung oder Therapie bearbeitet und vor allem „entmachtet“ werden. Die Details der Bearbeitung würden an dieser Stelle zu weit führen; das bleibt den psychologisch geschulten Beratern und Therapeuten überlassen.

Hinweis: Eine Liste der zertifizierten Integralis® Berater und Beraterinnen finden Sie auf unserer Internetseite unter Beraterliste.

------------------------------------------

Direktkontakt Stephan W. Ludwig:
ludwig@integralis-akademie.de

------------------------------------------------------------------------------------

Die Sehnsucht ganz zu werden

von Stephan W. Ludwig

Ich glaube, dass in jedem Menschen eine Sehnsucht schlummert. Eine  Sehnsucht nach dem noch nicht gelebten Leben, nach dem, was man schon immer tun wollte und doch nicht getan hat oder vielleicht nach einer Art des inneren Friedens? Wenn wir diese Sehnsucht in uns zulassen, dann wird sie zu einem Motor für die persönliche Entwicklung werden und uns neue, intensive Erfahrungen ermöglichen.

Ich glaube, dass es mutig ist, sich seiner tiefsten Sehnsucht zu stellen. Wenn wir sie zulassen, wird sie uns herausfordern, die eigene Tiefe zu ergründen und Talente zu entfalten, von denen wir vielleicht selbst noch nicht wussten. Der Neurowissenschaftler Gerald Hüther soricht von einem Bedürfnis über sich selbst  hinauszuwachsen.   

Der eine besteigt mit enormem Aufwand einen hohen Berg, für einen anderen geht es vor allem um eine erfüllte Partnerschaft und ein dritter macht sich auf einen meditativen, spirituellen Weg. Der eine nennt es `zu sich selber kommen´, der andere`die Hingabe an die Liebe´ und der Dritte vielleicht  `seinen spirituellen Weg´. In all diesen Beispielen – und die Liste ließe sich leicht verlängern – finden wir den Wunsch, sich lebendig zu fühlen und sich weiter zu entwickeln. Wohin, wenn nicht in die Richtung unserer tiefsten Sehnsucht?

Ich glaube, dass das Verbindende dieser scheinbar unterschiedlichen Wege die Suche nach einem Zustand des Eins-seins ist, des Eins-seins mit sich, mit dem, was ist und mit dem, was werden will. Vielleicht lässt sich menschliches Streben ganz allgemein als eine Suche nach Ganzheit verstehen, eine Suche, zu der vielerlei Umwege gehören.

Manchmal fragen wir uns, was die tiefste Ebene in uns wirklich ist. Ist es Vermeidung oder Wahrheit oder Umweg?

Man kann den Umweg nicht überspringen …

Wenn ich von Umwegen spreche, ist das nicht despektierlich gemeint, sondern als eine Einladung, Umwege – die wir ja manchmal Niederlagen oder Scheitern nennen – als Teil des Lebens zu würdigen. So wie es der tschechische Schriftsteller Bohumil Hrabak mit den folgenden Worten tut:

 „Man kann den Umweg nicht überspringen,

der über das Reden zum Schweigen führt,

über die Kategorien zum Wesentlichen,

über Gott zum Göttlichen.“

 

Umwege gehören zum Leben, vielleicht sind sie sogar das Leben. Oder wer würde behaupten, dass das Leben eine ordentliche und gradlinige Angelegenheit ist? Der bekannte amerikanische Schriftsteller Mark Twain offenbart sich als ein Meister der Umwege, in dem er schreibt:

„Gegen Zielsetzungen ist nichts einzuwenden,

sofern man sich dadurch

nicht von interessanten Umwegen abhalten lässt.“

Ich würde das so unterschreiben. Umwege haben ihren Charme, wenn man sich ihnen anvertraut und nicht zu sehr daran festhält, wie man das Leben gerade haben will.

Die Sehnsucht erwecken

Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen sich ihren tiefsten Wünschen und Sehnsüchten zuwenden, denn die Sehnsucht will Veränderung. In vielen Veranstaltungen frage ich meine Zuhörer, was für sie ganz persönlich ein wirklich gut gelebtes Leben ist. In aller Regel entsteht dann erst einmal eine kleine Pause, ein Innehalten.

Häufig nutze ich diesen Zwischenraum und sage, dass diese Frage uns, die Begründer der Integralis Methode, schon jahrzehntelang begleitet und in gewisser Weise den Kern der Integralis Methode berührt: Was ist ein gutes Leben und worauf kann und werde ich mit einem erfüllten Herzen am Ende meines Lebens zurückschauen?

Für die meisten Menschen sind das keine materiellen Dinge, die in diesem Sinn ein gutes Leben ausmachen, sondern eher Lebendigkeit, Intensität, Freunde und Liebe.

Mit einer Frage Freundschaft schließen

Wenn ich diese Frage stelle, dann geht es mir nicht darum, eine gute oder gar die richtige Antwort zu finden. Es ist keine Frage, die einmal beantwortet werden will und die man dann zu den Akten legt. Es ist eine Frage, die uns in die Augen schaut, die wissen will, wer wir sind und wofür wir stehen.

Und wenn man mag, kann man mit ihr Freundschaft schließen und sich von ihr – wie von einer guten Freundin – auf dem Lebensweg begleiten lassen. Wer sich dieser Frage stellt, wird immer neue Antworten finden, in denen die Einzigartigkeit und die Wahrheit des eigenen Lebens sichtbar und fühlbar wird.

Meine eigene Erfahrung

Als ich mir vor einigen Jahren Zeit für diese Frage genommen habe, dachte  ich sofort an meine Freude am Klavier spielen. Klavier zu spielen – ja, das gehört für mich zu einem gut gelebten Leben. Insbesondere die Momente, wenn ich ganz in das Spielen eintauchen kann und auf eine selbstvergessene Art und Weise eins damit werde. Das sind Momente, die mich nähren, die mir Mut machen, die mir Kraft geben für die Herausforderungen in meinem Leben.

Und während ich das schreibe, fühle ich auch jetzt die Sehnsucht nach dieser Selbstvergessenheit, diesem Loslassen und dem lebendigen Durchströmt-werden: Das sind Momente, in denen ich ganz bin, vollständig, irgendwie ganz da und gleichzeitig auch ganz eins mit mir, mit dem Spielen, mit der Welt.

Und dann habe ich mich gefragt, wie viel Zeit ich mir dafür nehme. Werde ich es eines Tages bereuen, dass ich andere Dinge wichtiger genommen habe? Ich habe mich damals entschieden, mehr zu spielen (nicht nur Klavier!) und das war gut für mich. Und gleichzeitig war mir klar, dass es um mehr als das Klavierspielen geht, dass es um eine Haltung geht, mit der ich in der Welt sein möchte.

Sich mit dem Eigenen riskieren

In jeder Begegnung und besonders in jeder Lebensphase entsteht ein anderer Dialog mit dieser Frage, aber immer hilft sie uns dabei, auf unserem eigenen Kurs zu bleiben und so zu leben, dass wir uns darin noch mehr erkennen und annehmen können.

Das eigene Leben so zu leben, dass wir uns darin ganz zuhause fühlen, das ist in unserer Zeit der tausendfachen Ablenkungen und der großen Erwartungen, die andere und wahrscheinlich auch wir selbst an uns haben, keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil: Es hat schon fast etwas Heldenhaftes, in einer Flut von Informationen, Email-Nachrichten, Sinnesreizen, Smartphone-Impulsen und Konsumangeboten bei sich zu bleiben und die eigene Wahrheit zu erkennen und zu leben.

Das Ge-lücke

Ein Blick auf den Ursprung des Wortes „Glück“ untermauert den Gedanken, dass es ganz natürlich ist, dass der lebendige Mensch seiner Sehnsucht folgen möchte. Das Wort „Glück“ ist sprachgeschichtlich eine Verdichtung von Ge-lücke. Darin klingt an, dass Glück ursprünglich damit zu tun hat, eine Lücke zu schließen, etwas ganz und vollständig zu machen oder Dinge wieder zu verbinden, die zusammen gehören.

Spiritualität im Leben

Man kann einwenden, dass es ja auf der tiefsten und letzten Ebene des Bewusstseins gar keine Lücken gibt, dass dort gar nichts fehlt, sondern dass das Leben immer und überall schon ein ganzes, vollkommenes Leben ist. In diesem Sinne wären dann die Mangelerfahrungen oder Lücken zwischen Ist und Wunsch einfach ein Epiphänomen unseres kleinen Geistes.  

Einige spirituelle Richtungen nehmen hier den scheinbar direkten Weg und wenden sich den Widrigkeiten und Herausforderungen des alltäglichen Lebens nur sehr zurückhaltend zu. Es steht uns nicht zu, das zu beurteilen.

Aber die Menschen im Integralis Netzwerk haben sich für einen anderen Weg entschieden. Nämlich für den Weg der Hinwendung zu den weltlichen Schönheiten und Schwierigkeiten, für die Annahme der Herausforderungen des Alltags und für Lösungswege, die die personale und die transpersonale Ebene gleichermaßen mit einbeziehen: für das Ringen mit dem Weltlichen, für die Liebe zum ganzen Leben und für die Reise in transzendente Wirklichkeiten.

Glück ist mehr als gute Gefühle

Das Team der Integralis Akademie, und in dessen Namen spreche ich hier, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen dabei zu unterstützen, die äußeren und die inneren Rahmenbedingungen zu schaffen, um erfüllt und glücklich zu leben.

Natürlich denken wir dabei nicht an einen ununterbrochenen Strom guter Gefühle, denn es gehört ja zum Wesen der Gefühle, dass sie kommen und gehen, anschwellen und abschwellen, sich verdichten und wieder auflösen. Und das gilt für die erwünschten wie für die unerwünschten Gefühle, für die Freude und den Genuss und für das Leid und den Schmerz.

Wir denken eher an das gemeinsame Einüben einer inneren Haltung, die uns das Leben in einem anderen, einem helleren Licht erscheinen lässt.

Einverstanden sein

Ein erfülltes und glückliches Leben wird von einer inneren Haltung begünstigt, die einverstanden ist, mit dem, was und wie das eigene Leben gerade ist. Einerseits braucht es die Fähigkeit, die emotionalen Wellen zu akzeptieren und anzunehmen. Im besten Fall kann man in ihnen die Tiefe und Schönheit des Lebens erkennen. Und anderseits braucht es eine Beweglichkeit des Geistes, die in der Lage ist, den Schwerpunkt der eigenen Aufmerksamkeit in umfassendere Dimensionen unseres Bewusstseins zu verlagern und dort zu stabilisieren: an einem inneren Ort, von dem aus wir das eigene Leben von der Geburt bis zum Tod überschauen können und den eigenen Lebensweg als bedeutsamen Wimpernschlag des Universums erkennen.

In diesem Einverstanden-sein schlummern die Samenkörner von Lebensqualität, Zentriertheit und innerer Freiheit. Einverstanden sein - das ist zugleich der Wegweiser und der Weg, zugleich der Zielhorizont und eine zentrale Übung der Integralis Methode.

 

------------------------------------------

Direktkontakt Stephan W. Ludwig:
ludwig@integralis-akademie.de

------------------------------------------------------------------------------------

Das Nein in der Liebe

von Stephan W. Ludwig


Einleitend möchte ich Ihnen eine kurze, allgemeine Einführung in das Thema „Grenzen“ geben. Danach wende ich mich einer speziellen Kompetenz im Umgang mit Grenzen zu: der Selbstabgrenzung in einer Liebesbeziehung.

Grenzen als Entwicklungschancen

Das Thema „Grenzen“ hat im menschlichen Leben eine Vielzahl von Bedeutungen. Persönliche Entwicklung kann als ständiges Über-sich-hinauswachsen beschrieben werden, in privaten und beruflichen Beziehungen müssen immer wieder Grenzen verhandelt werden und manchmal haben die dinglichen Lebensumstände für uns begrenzenden Charakter. Lassen Sie mich die kleine Übersicht damit beginnen und jeweils die typischen, emotionalen Reaktionen mitbeschreiben.

  1. Grenzen in der dinglichen, äußeren Welt: Wir wollen eine Reise machen und das Auto springt nicht an oder der Flug wird abgesagt. Wir ärgern uns, weil wir unsere Pläne nicht so verwirklichen können, wie wir es uns gedacht haben.
  2. Grenzen im zwischenmenschlichen Kontakt (interpersonelle Grenzen): Wir wollen mit jemandem etwas unternehmen und er oder sie hat keine Lust und entscheidet, uns nicht zu begleiten. Wir sind enttäuscht und manchmal auch ärgerlich auf die andere Person.
  3. Grenzen in der eigenen Persönlichkeit (intrapersonelle Grenzen): Ich habe eine große Sehnsucht, z.B. einen bestimmten Beruf zu ergreifen und sage mir ständig selbst, dass ich dazu nicht das Zeug habe. Es macht mir einfach zu viel Angst und ich werfe mir vielleicht sogar vor, dass ich zu feige bin.

Alles in allem können wir erkennen, dass die Erfahrung von Grenzen in allen drei Kategorien mit schwierigen Gefühlen einhergehen kann. Das kann man beklagen oder – wie wir es vorschlagen – zu einem spannenden Lernfeld voller Entwicklungschancen erklären!

Unsere Erfahrung ist es, dass man spezielle Kompetenzen erwerben kann, die es einem leichter machen, schwierige Lebens- und Beziehungssituationen zu gestalten und zu lösen. Die Kunst der Abgrenzung in einer Liebesbeziehung ist so eine Kompetenz und deshalb schauen wir da jetzt einmal genauer hin.

Sich abgrenzen – mit sich selbst befreundet sein

Sich abgrenzen zu können, setzt voraus, dass man gut in sich selbst beheimatet ist und das bedeutet, dass man – um mit dem deutschen Philosophen Wilhelm Schmid zu sprechen – „mit sich selbst befreundet“ ist.

Dazu gehört ein geklärtes Verhältnis zum sogenannten „inneren Kritiker“. Wenn er zu viel Macht hat, fühlen wir uns schlecht, wenn wir Wünsche anderer Menschen nicht erfüllen. Weisen Sie ihm eine (Neben-)Rolle zu und übernehmen Sie die Regie! Daraus ergeben sich automatisch Kontakte auf Augenhöhe, in denen jeder seine Würde und sein Hoheitsgebiet hat.

Das Fundament der Abgrenzungskompetenz sind Selbstliebe und Selbstwert.

Der klassische Fall der konstruktiven Selbstabgrenzung in der Liebesbeziehung ist das „Nein in der Liebe“. Den Begriff verdanken wir dem Schweizer Psychotherapeuten Peter Schellenbaum, der das offene Nein in der Liebe für die Voraussetzung zur Selbstverwirklichung und für ein echtes Ja in der Liebe hält. Und genau deshalb, weil das Nein ein Sprungbrett für die Vertiefung der Selbstliebe, der Selbstverwirklichung und der Beziehungsqualität sein kann, deshalb schauen wir da einmal genauer hin.

Liebe heißt: Ja-sagen und Nein-sagen

Für viele Menschen ist Liebe fast gleichbedeutend mit dem Erfüllen-müssen der Erwartungen des Liebespartners, also mit dem Ja-sagen. Tut man es nicht, ist es keine Liebe!

Außerdem sind unsere emotionalen Reaktionen auch so geprägt, dass wir nur schwerlich unterscheiden können zwischen der Ablehnung eines Wunsches und der Ablehnung der eigenen Person. Deshalb ist das Nein so schwer zu ertragen und deshalb zögern wir damit, es jemandem zu sagen. In Wirklichkeit geht es darum, eine neue Art und Weise zu entwickeln, in der Liebesbeziehung damit umzugehen.  
Eine andere Falle besteht darin, dass man sich abgrenzt und zugleich Schuldgefühle entwickelt, weil man sich ja auch nicht so wichtig hätte nehmen müssen. Die Schuldgefühle sind dann wie der Preis für die eigene Autonomie.
Oder man spürt die Schuldgefühle schon im Voraus, so dass man sich doch dafür entscheidet, die Erwartungen, Bitten oder Wünsche des anderen „mal eben schnell zu erfüllen“.

Diese Halbherzigkeit führt natürlich nicht zu dem gewünschten Effekt in einer reifen Beziehung: in der Liebe zu bleiben und das Eigene wichtiger nehmen zu können als die Wünsche des anderen. Meistens führt die halbherzige Erfüllung von Erwartungen und Wünschen nur in die nächste Runde grundsätzlicher Auseinandersetzungen über grundlegende Beziehungsthemen.

Eine zusätzliche Schwierigkeit

Ich möchte an dieser Stelle auch erwähnen, dass es in Liebesbeziehungen leicht geschieht, dass man DENKT, dass der andere Wünsche und Erwartungen an die eigene Person hat.

Dann kann es passieren, dass man schon mal prophylaktisch anfängt, sich abzugrenzen und versteckte Hinweise darauf zu geben, was heute schon alles anliegt und was noch getan werden „muss“ und dass es einem auch nicht so gut geht usw.. So als wolle man verhindern, dass der andere seine Wünsche und Erwartungen überhaupt erst einmal äußert. Verständlich wird dieses Verhalten, wenn wir wissen, dass jmd. kein Verhaltensrepertoire für eine konstruktive Selbstabgrenzung hat. Dann ist es besser vorzubauen, damit man die „schwierige Situation“ gar nicht erst erlebt.

Für eine nachhaltige Lösung brauchen wir konkrete Hinweise für die konstruktive Selbstabgrenzung.

Wie also kann es gehen mit dem Nein in der Liebe?

Gehen wir einmal davon aus, dass es in Ihnen ein Fundament von Selbstwert und emotionaler Autonomie gibt, das Sie sich erarbeitet haben, sodass Sie trotz Ihres Abgrenzungswunsches liebevoll auf Ihren Partner schauen können. Und das ist der erste Punkt: Ich bleibe in einer entspannten, inneren Haltung; mein Gegenüber darf Wünsche haben und ich darf sie erfüllen oder nicht. Ausatmen!
Das Ja zu mir selbst und zum anderen, das ist das unsichtbare Netz der Liebe, das ein Nein in der Liebe möglich macht. Die Wortbotschaft der Selbstabgrenzung sollte dann die folgenden Elemente enthalten:

  1. Ich habe deinen Wunsch gehört und ich respektiere ihn.
  2. Das macht dein Wunsch mit mir.
  3. Nein, jetzt möchte ich dir deinen Wunsch nicht erfüllen.
  4. Mein Angebot: Ich könnte dir deinen Wunsch zu einer anderen Zeit erfüllen oder ich schlage etwas anderes vor.

Eine konkrete Situation

Frank fragt seine Lebenspartnerin Sylvia beim gemeinsamen Wochenend-Frühstück, ob sie nicht Lust hätte, mit ihm an die Ostsee zu fahren. Er strahlt sie freudig an.

Sie druckst ein bisschen herum und sagt dann: „Weißt du, Frank, ich muss noch die Arbeiten korrigieren und meine Mutter wollte vielleicht heute Nachmittag vorbei kommen usw.“ Hat sie Lust mitzukommen? Weiß man nicht genau.

Ist aber auch nicht so wichtig, weil Frank schon längst ein Nein gehört hat und im Aufstehen gerade noch sagt, dass sie ja sowieso immer etwas anderes zu tun hat, wenn er etwas mit ihr unternehmen möchte. Was so nicht wirklich stimmt; ist aber jetzt auch nicht klärbar.

Sylvia fühlt sich jetzt richtig schlecht. Sie hat wirklich noch viel zu tun und jetzt kommt auch noch die schlechte Laune zwischen ihnen beiden dazu. Sie geht zu Frank und sagt, dass sie doch mitkommt. Es soll aber nicht so spät werden, damit sie die Arbeiten am Abend korrigieren kann. Frank akzeptiert grummelnd das Angebot und packt missmutig seine Sachen zusammen. Sie fahren zusammen an die Ostsee.

Ich glaube, dass viele Menschen eine ähnliche Beziehungssituation schon mal erlebt haben. Und ich füge hinzu: Es ist nicht leicht, damit umzugehen. Jeder von uns hat seine Geschichte und dementsprechend ein gewisses Paket von Ängsten, Befürchtungen und Vermeidungsstrategien im Gepäck. Dennoch glaube ich, dass es hilfreich ist, sich die obigen vier konstruktiven Schritte einmal konkret zu vergegenwärtigen.

Und so hätte es auch sein können

Frank: Du, Sylvia, ich habe große Lust jetzt mit dir an die Ostsee zu fahren. Die Sonne scheint und ich würde gerne mit dir im Sand liegen und danach einen langen Strandspaziergang machen. Hast du auch Lust, dass wir das zusammen machen?

Sylvia: Puh, ich spüre deine Freude und gleichzeitig bringt mich das in Bedrängnis. Auf der einen Seite habe ich Lust, die Zeit mit dir zusammen zu verbringen und auf der anderen Seite liegen mir die Arbeiten auf der Seele, die ich bis Montag noch korrigieren muss. Und meine Mutter hat angedeutet, dass sie vielleicht heute Nachmittag noch vorbeikommen wollte. Na ja, meiner Mutter kann ich auch einen anderen Tag vorschlagen. Aber wegen der Arbeiten weiß ich nicht, ob ich den Tag mit dir wirklich genießen kann.

Frank schaut sie an und sagt: Und? Fahren wir nun oder nicht?

Sylvia atmet durch und antwortet: Es fällt mir nicht leicht, dir deinen Wunsch abzuschlagen, aber ich werde jetzt zuerst meine Arbeiten korrigieren. Wenn ich schon mal einen Teil geschafft habe, dann bin ich ruhiger. Dafür bitte ich dich um dein Verständnis. Und wenn du magst, dann fahren wir erst gegen Mittag los und übernachten an der Ostsee. Den Rest korrigiere ich dann morgen.

Eine andere Lösung

Wem die Geschichte zu glatt und harmonisch ist, der kann vielleicht mit diesem alternativen Vorschlag etwas anfangen.

Sylvia: Es tut mir wirklich leid, dass ich dich enttäusche. Aber an diesem Wochenende brauche ich meine Zeit für das Korrigieren der Arbeiten. Bitte mache doch etwas Schönes für dich aus dieser Zeit.

Aber den Abend würde ich gerne mit dir verbringen. Hast du Lust auf einen sinnlichen Abend? Frank lächelt.

Sylvia: Und wegen der Ostsee, da lass uns doch jetzt gleich mal in den Kalender schauen, wann wir wieder mal zusammen wegfahren können. Das fände ich nämlich auch sehr schön. Mit dir.

Nachwort – und was ist mit der Hingabe?

Abschließend möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich in diesem Text nur eine Facette des Grenzthemas beleuchtet habe. Und das dementsprechend anderes viel zu kurz gekommen ist.

Ich möchte aber nicht enden, ohne auf den Gegenpol der Abgrenzungskompetenz hinzuweisen und ihn als ebenso wichtige und schöne komplementäre Qualität zu erwähnen: die Fähigkeit zur Hingabe.

Ich erinnere Sie an den tieferen Sinn des „Nein in der Liebe“ nach Peter Schellenbaum. Nein-Sagen lernen, um wirklich Ja zu sagen. Und das verstehe ich so: Wer Schwierigkeiten damit hat, ohne Schuldgefühle Nein zu sagen, der sollte an dieser Kompetenz noch etwas feilen. Wer Nein-Sagen kann, der muss es nicht dauernd tun, sondern kann sein Eigenes auch manchmal zurückstellen und sich den Wünschen des geliebten Menschen mit offenem Herzen hingeben.

Sie haben Fragen zu diesem Thema?

Schreiben Sie mir Ihre Fragen an ludwig@integralis-akademie.de!

------------------------------------------------------------------------------------

Die Vorgarten-Regel in der Paarbeziehung

von Claudia Budelmann und Gerold F. Wehde

Kennen Sie diese Situation in der Paarbeziehung?

Ein Paar ist im Streit und im Laufe dieses Streits beginnt das Paar, sich gegenseitig alle möglichen Anschuldigungen an den Kopf zu werfen:

ER sagt, dass sie ja nur so oder so sei, weil sie ihn in die Enge treiben wolle.

SIE entgegnet daraufhin, dass er das ja nur sage, weil er zu feige sei, Stellung zu beziehen.

Darauf entgegnet ER, dass sie ja selbst zu feige sei, sonst würde sie ihm ja viel früher sagen, was ihr an ihm nicht passen würde und dann gäbe es diese Auseinandersetzung ja nicht.

SIE sagt dann, dass er das jetzt nur sagen würde, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen usw.

Ein Paar in einer solchen Konfliktsituation scheint wie zwei Güterzüge zu sein, die mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zurasen. Wenn nicht beide die Notbremse ziehen, dann knallt es am Ende heftig. Und eine wichtige Notbremse ist, dass beide aufhören, dem Partner weiterhin Motive oder Beweggründe zu unterstellen.

Der Vorgarten und die Vorgarten-Regel

Als Vorgarten bezeichnen wir das, was in der Definitionshoheit des Einzelnen liegt. Nur der Einzelne kann sagen, was seine Handlungsmotive sind. Sie liegen im Inneren des Menschen verborgen. Niemand ist berechtigt – auch nicht aufgrund von beobachtbaren Handlungen – zu sagen, zu vermuten oder gar zu unterstellen, was im Inneren einer Person vor sich geht. Das kann nur jede/r für sich selbst.

Doch das Verhalten in der Paarbeziehung ist oft anders. Während der eine Partner dem anderen ungefragt irgendwelche Motive unterstellt (und so im Vorgarten des Partners herumgärtnert), neigt der andere dazu, es ihm gleich zu tun (und betritt damit ebenfalls den fremden Vorgarten). Und die Dynamik eines Teufelskreises beginnt.

Die Vorgarten-Regel verlangt von den Partnern in einer Beziehung eine neue Gesprächskultur, in der jeder Partner seine eigenen Beweggründe und die eigene Motivation selbst definiert.

Raus aus dem Teufelskreis

Diese neue Gesprächskultur ist lernbar und führt Sie aus dem Dilemma von Anschuldigungen und Rechtfertigungen. Das sind die Grundregeln:

Fragen stellen
Stellen dem Menschen, den Sie lieben, echte Fragen. Lassen Sie Ihre Vorstellungen beiseite, auch wenn Sie meinen, den anderen schon so gut zu kennen. So können Sie lernen, wieder echtes Interesse für den anderen zu entwickeln.

Auf eine echte Frage antwortet der Partner mit einer Ich-Aussage; so kann er über seine Gefühle und seine Motivation Auskunft geben. Das ist eines der besten Mittel gegen unbefugtes Betreten des Vorgartens und der erste Schritt für einen echten Austausch.

Zuhören lernen
Das Hören wird eine ganz neue Bedeutung bekommen. Die Partner lernen, nicht immer nur das zu hören, was sie schon zu kennen glauben. „Ich höre Dir zu und entdecke Dich wieder neu.“ Das schafft eine neue Beziehungsqualität.

Und das Zuhören braucht eben auch das Fragen. In der Geschichte Momo von Michael Ende heißt es: „Die Kunst des Fragens ist das Weiterfragen.“  Hören Sie zu und fragen Sie weiter bis ihr Partner das Gefühl hat, verstanden worden zu sein! Das ist der zweite Schritt für einen echten Austausch.

Zeit nehmen
Ein gutes Gespräch braucht Zeit; es kann nicht unter Zeitdruck gelingen. Sorgen Sie dafür, dass beide Partner die gleiche Zeit zum Sprechen haben. In dieser Zeit muss nicht immer etwas gesagt werden und Sie können sich und Ihren Partner in der Stille fühlen.

Sorgen Sie dafür, dass Sie in der vereinbarten Zeit nicht gestört werden und schaffen Sie eine entspannte Atmosphäre, damit jeder sich zeigen und zuhören kann. Das ist der dritte Schritt für einen echten Austausch.

Die schönsten Plätze

Das Innenleben eines anderen Menschen ist in gewisser Weise ein Heiligtum. Und manchmal – wenn Sie den Vorgarten des Partners respektieren – kann es gelingen, einen Moment gemeinsam an den schönsten und geheimsten Plätzen im Garten Ihres Partners zu verweilen.

Das wünschen wir Ihnen!

 


Kontakt zu
Claudia Budelmann: budelmann@integralis-akademie.de
Gerold F. Wehde: wehde@integralis-akademie.de

 

------------------------------------------------------------------------------------

Weiblichkeit - Männlichkeit - Partnerschaft

eine integrale Perspektive, von Doro Kurig

Die Beziehung der Geschlechter zueinander ist ein zeitlos relevantes Thema - was sich in vielen unterschiedlichen Ansichten ausdrückt, die oft zu leidenschaftlichen Meinungsverschiedenheiten führen.

Allerdings ist die Frage, wie eine integrale Sicht einer Mann-Frau-Beziehung aussehen könnte bisher noch nicht so häufig behandelt worden.

Eine integrale Beziehung in dem Spannungsfeld von „männlich“ und „weiblich" - was könnte das bedeuten? Ich versuche eine Annäherung an diese komplexe Frage.

Woher kommen wir als Frauen und Männer in der Entwicklung unserer Gesellschaft?

Die patriarchalen Wurzeln in der Beziehung von Mann und Frau sind noch nicht lange überwunden. Diese Jahrhunderte alte Vergangenheit reicht auch heute noch bis in die tiefsten Wurzeln der Geschlechterbeziehung. Sie sind eine Geschichte von männlicher Dominanz, der Herabsetzung der Frau in der christlichen Religion - aber auch ein Modell des Überlebens, in dem sowohl Frauen als auch Männer eine spezifische Stärke an ihrem jeweiligen Platz erringen konnten.

Erst in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurden die letzten Ausläufer beseitigt, die dem Mann ein Bestimmungsrecht über die Frau einräumten. Erst in dieser Zeit wurden die Frauen als geistig-intellektuell gleichwertig wahrgenommen, die Gleichstellung von Frauen und Männern im Grundgesetz verankert. Die alten Rollenbilder wurden dadurch zwar nicht gelöscht, aber sie gerieten in einen langsamen Prozess der Veränderung.

Mit der Studentenbewegung kam ein weiterer neuer Schub in der Neubestimmung des Bildes von männlicher und weiblicher Identität. Sexuelle Befreiung, gemeinsamer Kampf gegen das Establishment, erste Ansätze einer kollektiven Kindererziehung etc. brachten die alten Formen des Zusammenlebens ins Wanken. Die „neue Empfindsamkeit“ ermöglichte auch den Männern eine Öffnung ihrer alten Geschlechterrolle. Sie durften jetzt Gefühle zeigen, sich dem männlichen Erfolgsstreben widersetzen, tiefergehende Beziehungen zwischen Männern wurden bewusst in Männergruppen entwickelt. Gleichgeschlechtliche Beziehung wurde allmählich anerkannt.
In der heutigen jungen Erwachsenengeneration sind die Wahlmöglichkeiten, die es sowohl für Frauen als auch für Männer gibt, längst selbstverständlich geworden. Sie verdecken vielleicht häufig, dass auf der institutionellen Ebene noch viele bedeutsame Probleme zu lösen sind, wie z.B. gleiche Bezahlung von Männern und Frauen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie etc..

Wie sieht es innerlich aus mit den Frauen- und Männerbildern?

Hat die gesellschaftliche Entwicklung auch unsere innere Einstellung beeinflusst - das, was Männlichkeit und Weiblichkeit für uns persönlich bedeuten? Wie „fortschrittlich“ sind wir wirklich? Gibt es alte Rollenklischees, die sich noch hartnäckig halten - und warum könnte das so sein?

Man kann beobachten, dass es zum Thema Mann-sein und Frau-sein durchaus widersprüchliche Einstellungen gibt. Auch bei “fortschrittlichen“ Menschen findet man Meinungen wie diese: „Ich weiß nicht, ob ich damit leben könnte, wenn ich als Frau einen höherwertigen Job habe als mein Partner.“ „Ich könnte nicht mit einer Frau zusammen sein, die körperlich größer ist als ich.“ „Als Mann werde ich schlecht angesehen, wenn ich in den ersten Jahren die Kinderbetreuung übernehme und auf meine Karriere verzichte.“ „Ein Mann, der nicht durchsetzungsstark ist, ist für mich als Frau sexuell nicht attraktiv.“
Hier werden Rollenbilder aktiv, in denen dem Mann eine klassische Dominanzrolle zugesprochen wird. Der Mann bietet der Frau eine Schulter an, an die sie sich anlehnen kann. Umgekehrt würde sich dieselbe Dominanz einer Frau dem Mann gegenüber für viele Menschen unpassend anfühlen.

Ein Erklärungsansatz dafür könnte tief verborgen in unserer Biologie liegen, da die Frau als diejenige, die die Kinder gebärt, auf den Schutz des Mannes angewiesen war (und möglicherweise auch heute noch ist). In der Sexualität könnten ebenfalls biologische Muster zur Geltung kommen, da nur der durchsetzungsstarke Mann sein Erbgut an möglichst viele Frauen weitergeben konnte, aber auch als Sexualpartner bevorzugt wurde.

Gilt es noch heute, dass die Frau begehrt werden will und deshalb den Mann verführen möchte, während es für den Mann vor allem wichtig ist, bei der Frau „zum Erfolg“ zu kommen und aus diesem Grund eher instinkthaft auf sexuelle Botschaften einer Frau reagiert?

Sind wir diesen biologischen Mustern ausgeliefert? Vielleicht würde eine Befreiung so aussehen, dass diese Prägungen offensiv gewendet werden - indem Frauen selbstbewusst und selbstbestimmt ihre Weiblichkeit leben und damit aus der „Objektrolle“ heraustreten. Und indem Männer zu ihren persönlichen Führungsqualitäten stehen und sie aktiv gestalten - ohne ein schlechtes Gewissen.

Damit würde auf eine „Gleichmacherei“ verzichtet, wo die Frauen in einer Anpassung an die Männerwelt beruflich erfolgreich werden (und denselben Preis zahlen müssten wie die Männer) oder umgekehrt, wo die Männer sich in der Partnerschaft eher an eine Frau anpassen als Konflikte einzugehen (und vermeiden, echte Führungsverantwortung zu übernehmen).

Die Dynamik der Polarität

Auf einer tieferen Ebene lebt die Mann-Frau-Dynamik auch heute noch aus der Polarität heraus. Nur aus einer Verschiedenheit heraus kann sich eine Anziehung entwickeln, die zur Verbindung führt! Dieses Grundprinzip kann nicht so einfach aus den Angeln gehoben werden und wirkt auch heute in der Beziehung zwischen Mann und Frau.

Jeder Mensch verkörpert sowohl sogenannte „männliche" Anteile wie Zielgerichtetheit, Entschlusskraft, Gestaltungswille als auch sogenannte „weibliche" Anteile wie Empfänglichkeit, Einfühlung, Intuition.

Vielleicht werden wir in Zukunft viel flexibler damit umgehen, dass es Frauen gibt, die starke Dominanzanteile haben - und die deshalb nicht unweiblich sind oder als Konkurrenten in einer „männlich dominierten“ Welt agieren müssen und dass es Männer gibt, die starke Anpassungsanteile haben - und die deshalb nicht unmännlich sind und weniger Anerkennung verdienen.

Es könnte ein neues Spiel der Polaritäten geben, das feiner differenziert ist und letzten Endes dem einzelnen Menschen mehr entspricht. Für Beziehungen würde das bedeuten, dass es den Dreiklang von Verschiedenheit, Anziehung und Verbindung in ganz unterschiedlichen Ausprägungen gibt - konkret z.B. dass die Frau finanziell erfolgreicher ist als der Mann, aber in der Sexualität schwerpunktmäßig der Mann eine Führungsrolle übernimmt.

Die integrale Perspektive

Wir haben einen Ausflug in gesellschaftliche und persönliche Entwicklungsprozesse gemacht - um jetzt darauf zu kommen, was eine integrale Perspektive sein könnte.

Wesentlich für die integrale Sicht ist die „Zusammenschau“ - d.h. ein Bewusstsein von verschiedenen Stufen der menschlichen Entwicklung. Nur dann können wir verstehen, welche Aspekte wir sowohl kollektiv als auch individuell als Menschen in uns tragen. Erst dadurch gewinnen wir eine Wahlmöglichkeit. Es geht also nicht darum, Partei zu ergreifen und Aspekte abzulehnen wie z.B. einen konventionellen Wunsch nach Sicherheit in der Beziehung. Oder einen einzelnen Aspekt als allein gültig anzusehen wie z.B. die Meinung, dass nur durch eine neue Weiblichkeit die Welt gerettet werden kann. Es geht darum, die wertvollen Seiten verschiedener Entwicklungsstufen zu sehen - sei es der Wert, der in der rationalen Sicht auf die Gleichwertigkeit von Männern und Frauen liegt. Sei es der Wert, der in der Verankerung in unseren biologischen Prägungen liegt und uns daran erinnert, dass wir das Leben keinesfalls nur vom Denken her steuern können. In der integralen Perspektive geht es darum, die Qualitäten jeder Entwicklungsstufe wertzuschätzen und zu integrieren.

Die integrale Sicht schaut auf die Entwicklung unseres Bewusstseins an sich. Diese Entwicklung ist nie abgeschlossen.
Hier stellt die Ebene des Überpersönlichen einen weiteren, offenen Entwicklungsraum dar. Überpersönlich bedeutet in dem Zusammenhang, dass die Frage nach der Verwirklichung der eigenen Weiblichkeit oder Männlichkeit keine Frage des Überlebens mehr ist. Sie kann als eine Welle von vielen in unserem persönlichen Leben gesehen - und relativiert - werden. Die „innere Heimat“ eines Menschen liegt jenseits dieser Dynamik, sie ist gegründet in einer tieferen und weiteren Dimension unseres Seins. Von da aus werden die persönlichen Entwicklungswege weder überhöht noch negiert. Es entsteht eine Qualität von innerer Gelassenheit und eine Akzeptanz sowohl für Phasen des Gelingens als auch für Phasen des Scheiterns auf unserem Lebensweg als Frauen und Männer.
Könnte darin eine neue Qualität liegen? Indem wir nicht nur fragen: „Was will ich in meinem Leben als Frau oder als Mann verwirklichen?“ sondern auch fragen: „Wie möchte sich das Leben in seiner ganzen Weite und Schönheit durch mich als Frau oder als Mann - und letztlich als Mensch - verwirklichen?“ Eine solche Sicht könnte eine neue, inspirierende Offenheit in die Beziehung der Geschlechter zueinander bringen.

Partnerschaft als Experimentierfeld

In der Zukunft geht es darum, die grundlegend gleiche Würde von Frauen und Männern in einer umfassenden Sicht anzuerkennen. Auf allen Ebenen des menschlichen Seins - geistig, emotional, körperlich und spirituell - können Männer und Frauen unterschiedslos die gleiche Achtung und Anerkennung für sich beanspruchen. Dieses menschliche Grundrecht ist, wenn wir auf die Lebensbedingungen von Frauen in der Welt schauen, noch lange nicht erreicht. Auch in unserer Gesellschaft liegt noch ein Weg vor uns, dieses Prinzip vollständig zur Geltung zu bringen.

Dafür braucht es Frauen, die in ihrer Selbstverantwortung stehen und ihren weiblichen Weg der Verwirklichung kennen und verfolgen. Es braucht aber genauso Männer, die bereit sind, sich von alten (und bequemen) Privilegien zu verabschieden und diesen Prozess hin zur Gleichwertigkeit zu unterstützen - nicht nur ideel, sondern auch praktisch. Diese Bereitschaft würde sich in einer Gesellschaft widerspiegeln, in der viel mehr Optionen für Männer und Frauen bereitstehen, die ein Zusammenleben jenseits der alten Rollenzuschreibungen ermöglichen. Es liegt an uns, miteinander neue Perspektiven zu entwickeln und alte Trennungslinien hinter uns zu lassen.

Gleichzeitig sollte aber ein Bewusstsein dafür bestehen bleiben, dass die Verschiedenheit, die es in der männlichen und weiblichen Identität gibt, ein wirklicher Schatz ist - der uns auf eine besondere Weise lebendig werden lässt. Die Kraft der Anziehung, die durch Unterschiedlichkeit entsteht, darf sich auf viele Arten ausdrücken. Ob das auf konventionelle Weise geschieht oder auf experimentelle Weise - ob laut oder leise - ob zart oder wild. Dieses Geschenk der Vielfalt, das in der unterschiedlichen Natur von weiblicher und männlicher Energie liegt, wird weiterhin in Beziehungen eine wichtige Rolle spielen. Diese Vielfalt kann sich - gerade in bewussten Beziehungen - herausbilden, kristallisieren und entfalten.

In diesem Sinne eröffnet uns eine von Bewusstheit durchströmte Partnerschaft in besonderer Weise einen Blick auf unser authentisches Selbst als Frau und Mann. Wir können damit bewusst - und spielerisch - umgehen. Wir können uns darin auch von einengenden Bildern befreien, was „weiblich“ oder „männlich“ sein sollte und was nicht.

Es gibt durchaus viele gemeinsame Fragen, die von beiden Geschlechtern gestellt werden können. So z.B. die Frage: „In welcher Welt wollen wir wirklich leben?" Es geht darum, wie wir - in einer Verbundenheit von Frauen und Männern - einen Beitrag leisten für ein liebevolles, freundliches Umfeld. Vielleicht kann gerade eine Partnerschaft eine Perspektive der Sinnfindung sein, wo es nicht nur um das eigene Glück geht. Wo das Zusammenspiel von männlich und weiblich - im Kleinen und im Großen - einer guten „menschlichen" Zukunft dienen kann.


Ich freue mich über Ihre Rückmeldung zu dem Artikel: Doro Kurig kurig@integralis-akademie.de

 

------------------------------------------------------------------------------------

Sehnsucht nach Lebendigkeit

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Jeder Mensch sehnt sich danach, sich lebendig zu fühlen und sucht nach diesen besonderen Momenten, in denen jede Zelle pulsiert und die Lebensenergie durch den Körper strömt. Manche Menschen suchen eine sportliche Herausforderung oder wagen eine abenteuerliche Reise, andere fühlen sich nach einem intensiven Gespräch lebendig oder wenn sie einem besonderen Rendezvous entgegenfiebern.

Resonanzfähigkeit

Lebendigkeit ist eine Qualität des eigenen, inneren Erlebens, eine persönliche, subjektive Erfahrung. Die Intensität dieses Erlebens hat etwas mit der Bereitschaft und der Fähigkeit zu tun, sich auf das eigene Erleben und auf die eigenen Gefühle einzulassen. Das nenne ich Resonanzfähigkeit. Von der Resonanzfähigkeit hängt es ab, wie viel von dem, was ich in der äußeren Welt wahrnehme, in meine innere Welt gelangt und wie intensiv es dort gefühlt werden darf.

Nicht immer haben Menschen die Fähigkeit, ihre Resonanzfähigkeit selbst zu steuern. Manche Menschen erleben fast alles in hoher Intensität; manchmal genießen sie es und manchmal leiden sie darunter, dass sie sich nicht schützen können. Andere wiederum haben ihre Gefühle über lange Zeit auf Sparflamme gestellt und einige wissen gar nicht mehr, wie sie wieder einen natürlichen Zugang zu ihrer inneren Welt bekommen können.

Die unsichtbare Membran zwischen der äußeren und der inneren Welt

Um das Phänomen des Sich-lebendig-fühlens besser zu verstehen, schlage ich vor, sich in jedem Menschen eine Membran zwischen der eigenen inneren und der äußeren Welt vorzustellen, die mehr oder weniger durchlässig ist. Und je nach Durchlässigkeit können die Wahrnehmungen der äußeren Welt in unsere innere Welt gelangen und dort gefühlt werden. Und in der anderen Richtung geht es um die Stärke und die Spontanität des Selbstausdrucks, also um die  Durchlässigkeit für die eigenen, inneren Impulse, so dass sie für andere sichtbar werden.

Die laute und stille Seite der Lebendigkeit

Wenn wir diesen Gedanken weiter verfolgen, dann können wir eine laute, offensichtliche und eine stille, innerliche Seite der Lebendigkeit unterscheiden.

Die laute Seite zeigt sich in einem Menschen, der viel und gerne von sich erzählt, eine ausdrucksstarke Körpersprache hat und vielleicht viel und laut lachen kann. Vorausgesetzt, dass es sich nicht um ein aufgesetztes, künstliches Verhaltensmuster handelt, können wir das die  Inside-Out-Seite der Lebendigkeit nennen: die inneren Impulse, Gedanken und Gefühle haben es leicht, aus der inneren Welt in die sichtbare äußere Welt zu gelangen.

Das Pendant dazu ist die stille Seite der Lebendigkeit. Dabei geht es um die Vielschichtigkeit und die Intensität des inneren Erlebens, also um die Frage, wieviel aus der äußeren Welt in mein Inneres darf und wie tief es dort gefühlt und empfunden werden kann und darf. Das Erlebnis eines klassischen Konzerts – live oder über gute Kopfhörer – ist dafür ein treffendes Beispiel.

Und natürlich kann die Membran in beide Richtungen zugleich durchlässig sein. Nehmen wir dafür das Beispiel eines Fußballfans beim Besuch eines wichtigen Bundesligaspiels. Manche von ihnen brauchen zunächst einige spannende Spielszenen, die eine hohe emotionale Intensität erzeugen, um dann einfach mal alle Gefühle „rauszulassen“. Andere stimmen sich schon vor dem Spiel mit „Schlachtgesängen“ und anderen Ritualen ein (inside-out), machen die Membran noch durchlässiger und erhöhen dadurch ihre eigene emotionale Schwingungsfähigkeit.

Ein sanfteres Beispiel für die beidseitige Durchlässigkeit der Membran sind die Tränen des Berührt-Seins, die manche Menschen vergießen, wenn sie sich von einer Filmszene zutiefst berühren lassen.  

Chronische Reizüberflutung vermindert die Berührbarkeit

Wir leben in einer Hochgeschwindigkeitsgesellschaft, die eine für die menschliche Seele schwer verdaubare Flut von Reizen und Informationen produziert. Je nach Persönlichkeitsstruktur finden Menschen damit einen besseren oder schlechteren Umgang. Die Membran zwischen der inneren und der äußeren Welt spielt dabei in jedem Fall eine wichtige Rolle.

Einige Menschen vermindern bei chronischer Reizüberflutung ihre Berührbarkeit. Mit anderen Worten: Sie „machen zu“; die Membran wird fester und undurchlässiger und ihre Resonanzfähigkeit sinkt. Natürlich kann sich das von Situation zu Situation auch wieder verändern, aber eine chronische Reizüberflutung führt zu einer dauerhaften Abschottung und Selbstimmunisierung, zu verminderter Berührbarkeit und Schwingungsfähigkeit. Und dann – und das ist der kritische Punkt – ist es nicht mehr so leicht, in den Situationen resonanzfähig zu werden, wo es unser Leben bereichern könnte. Im Kontakt mit Menschen, die einem viel bedeuten, in Situationen, in denen man mit sich alleine ist oder im Beruf, wenn es um Menschenführung und konstruktive Kooperation geht.

Im Extremfall fühlen Menschen sich dauerhaft „unlebendig“ und „vom Leben abgeschnitten“, ohne zu wissen wie es dazu gekommen ist. Wahrscheinlich haben sie unbewusst trainiert, weniger zu fühlen.

Wie die ökonomisierte Gesellschaft Lebendigkeit unterdrückt

Wir leben in einer ökonomisierten Gesellschaft, in der es in hohem Maß um Effizienz und Optimierung geht. Die Zeichen mehren sich, dass die Einseitigkeit dieser Ausrichtung so nicht wirklich zukunftsfähig ist. Aber zurzeit bedeutet es für den beruflichen Alltag vieler Menschen, dass sie eine hohe Anpassungsleistung an die ökonomischen Ziele eines Unternehmens und/oder an die Erwartungen ihrer Vorgesetzten erbringen müssen. Das Korsett der nach wirtschaftlichen Kriterien optimierten Prozesse, die vielerorts den Unternehmensalltag bestimmen, ist eine sehr konkrete Ausprägung dieses Erwartungsdrucks.

Der Ausdruck spontaner Impulse, Gefühle und die Äußerung verrückter Ideen werden im „normalen Alltag“ eher skeptisch beäugt. Zu den unausgesprochenen Erwartungen gehört es, dass Gefühle und Bewegungsdrang kontrolliert, unterdrückt und zurückgestellt werden, bis sich dafür im Privaten ein passender Rahmen bietet. Aber Impulskontrolle kostet Kraft; einige Menschen versuchen den Impulsstau durch exzessives Witzeln abzubauen, andere retten sich durch einen subtilen Rückzug in ihre eigene innere Welt.

Und wo sind die lebendigen, freudvollen Menschen, mit denen wir gerne im Kontakt und in Beziehung sein wollen? Lebendigkeit und Freude sieht man in den Gesichtern und im Körperausdruck; echte Lebendigkeit hat etwas Unberechenbares und das scheint mit den Werten von Effizienz und Optimierung, mit Output-Orientierung und Lean-Management zu kollidieren. Aber ist das wirklich so?

Hier lohnt es sich, differenziert über die kurzfristige und die langfristige Perspektive nachzudenken. Kurzfristig stört echte Lebendigkeit die optimierten Unternehmensprozesse; langfristig aber frisst der optimierte Prozess seine Mitwirkenden. Chronische Erschöpfung und Burnout, psychosomatische Beschwerden und Depression sind längst keine Einzelfälle mehr, sondern Begleiterscheinungen einer Lebensführung, die sich zu stark an Funktionskriterien und zu wenig an Natürlichkeit, an Schönheit und Beseelung und nicht zuletzt am lebendigen Leben orientiert.

Der optimierte Prozess ist eine Kopfgeburt, in der die Freude am lebendigen Leben zu kurz kommen kann; der lebendige Mensch pulsiert und vibriert, fühlt und lacht.

Deshalb plädiere ich im Sinne des gesellschaftlichen Anliegens der Integralis Methode für eine Kultur der Lebendigkeit und Verbundenheit, für mehr Toleranz gegenüber dem Ungewöhnlichen und für eine neue Experimentierfreude für neue Wege, auf denen die Wirtschaft dem Menschen und dem Leben dient. Und wahrscheinlich beginnt dieser Weg mit dem, was jeder Einzelne von uns ganz konkret heute und morgen in seinem Leben tut oder nicht mehr mitmacht.

Hören wir dazu die Worte des Dalai Lama in dem folgenden Zitat: „Der Planet braucht keine ‚erfolgreichen Menschen‘ mehr. Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Arten. Er braucht Menschen, die gut an ihren Plätzen leben. Er braucht Menschen mit Zivilcourage, bereit, sich dafür einzusetzen, um die Welt lebenswert und menschlich zu gestalten. Diese Qualitäten haben wenig mit der Art von Erfolg zu tun, wie er in unserer Kultur verbreitet ist.“

 

Wegweiser – Wege in die Lebendigkeit

Lebendigkeit kann man nicht verordnen aber in unsere Arbeit in der Integralis Akademie verstehen wir es als unsere Aufgabe, Menschen dabei zu unterstützen, mutiger und lebendiger zu leben. An dieser Stelle können wir einige Anregungen geben, die sich bei anderen Menschen bewährt haben. 

  • Spielen Sie und leben Sie spielerischer
  • Tragen Sie ein ungewöhnliches Kleidungsstück und werden Sie für einige Stunden „jemand anderes“
  • Tun Sie etwas, das in Ihrer Kindheit verlockend und verboten gewesen ist
  • Tun Sie etwas, was niemand von Ihnen erwartet
  • Buchen Sie einen erfahrungsintensiven Workshop, in dem Sie niemand kennt
  • Nehmen Sie sich für die Dinge, die Ihr Herz berühren, doppelt so viel Zeit wie normalerweise
  • Sie haben zu wenig Zeit? Kommen Sie zu unserer Tagung nach Kassel „Zeit – der Schlüssel zum Glück“
  • Lassen Sie sich berühren – im doppelten Sinn
  • Treffen Sie sich mit einem Menschen, der in einige Facetten so  lebt, wie Sie gerne leben möchten
  • Holen Sie sich Unterstützung
  • Machen Sie jemanden glücklich
  • Sorgen Sie für Schönheit und orientieren Sie sich etwas mehr am Schönen und etwas weniger am Nützlichen

Schlusswort

Ich möchte mit zwei Zitaten zum Thema Schönheit schließen. Schönheit ist eine Frage der Perspektive, aber bedeutsam ist sie allemal.

Liebe ist die Schönheit der Seele.

Augustinus Aurelius

Ein Mistkäfer ist in den Augen seiner Mutter eine Schönheit.

aus Ägypten

 

----------------------------------------
Stephan W. Ludwig:
Telefon: 04543-891542
E-Mail: ludwig@integralis-akademie.de

------------------------------------------------------------------------------------

Wie Trennung gelingt

Teil 2

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Dies ist der zweite Teil eines Artikels, in dem ich Ihnen erläutern möchte, welche Überlegungen und Schritte im Vorfeld einer Trennung helfen können, sich innere Klarheit zu verschaffen und welche Fragen im akuten Trennungsprozess beantwortet werden sollten, damit man von einer gelungenen Trennung sprechen kann. Dabei orientiere ich mich an Elementen, die sich in der professionellen Begleitung von Trennungsprozessen als hilfreich erwiesen.

Die ersten drei Schritte habe ich im vorgegangenen Newsletter dargestellt. Die Überschriften dieser Schritte lauteten:

  1. Wertschätzen, was gewesen ist
  2. Verstehen, was ist
  3. Erkennen, wovon man sich trennt

Hier geht es zum ersten Teil des Textes: Teil 1
Und jetzt geht es weiter mit den Schritten 4 bis 8.

4. Erkennen, wofür man sich trennt

Damit eine Trennung wirklich gelingt und damit zu einer Tür für einen erfüllten neuen Lebensabschnitt wird, ist es wichtig, ein positives Bild vom eigenen Leben ohne den Partner zu entwickeln. Wer sich trennt, weil die Partnerschaft unerträglich geworden ist und nicht weiß, wohin die Reise gehen soll, läuft Gefahr in eine innere Leere zu fallen oder einfach von den Anforderungen des Alltags überrollt zu werden, ohne auf einen eigenen Kurs zu kommen.
Wenn es geklärt ist, wovon man sich trennt (Schritt 3), dann ist es Zeit, nach vorne zu schauen und sich vom Prinzip des „Weg-von“ zu lösen und das „Hin-zu“ zu kultivieren.
Dabei helfen die folgenden Fragen.

  • Welche neuen Möglichkeiten entstehen für mich nach der Trennung?
  • Was will ich wirklich leben?
  • Was wollte ich eigentlich schon immer?
  • Was lade ich in mein Leben ein und wie tue ich das?
  • Was werde ich tun, was ich bisher nicht getan habe?
  • Welchen Herausforderungen werde ich mich stellen müssen und welche Unterstützung brauche ich?

5. Den Preis akzeptieren

Jede Veränderung hat einen Preis. In einer vollzogenen Trennung verlieren wir nicht nur den Partner, sondern auch den Halt der eingespielten Lebensgewohnheiten und die mit der Partnerschaft verbundenen offensichtlichen oder verdeckten Vorteile. Das nennen wir den Preis.

Dabei kann es sich um Gefühle von Einsamkeit handeln, wenn der nächste Partner nicht schon da ist oder vor der Tür steht. Vielleicht wird man einige Menschen aus dem bisherigen Bekannten- und Verwandtenkreis nicht mehr oder viel weniger treffen oder die eigene wirtschaftliche Situation verschlechtert sich und man muss auf manches verzichten. Auch die Gefühle der Verunsicherung gehören zum Preis der Trennung.

Der Preis ist eine gefühlte Größe und er kann in verschiedenen Situationen hoch oder niedrig sein. In jedem Fall empfehlen wir, sich den Preis bewusst zu machen und die Bereitschaft zu kultivieren, ihn ganz anzunehmen.
An dieser Stelle möchte ich noch einmal betonen wie wichtig es ist, dass man ein Ziel, ein Wunschbild oder einen Leitstern entwickelt, damit man weiß, wofür man den Preis zahlt und ob er angemessen ist.

6. Jetzt erst: Die Entscheidung

Bis zu diesem Punkt sind alle Fragen und Anregungen der Vertiefung des Verständnisses gewidmet: Dem Verstehen der Beziehungsdynamik, dem Verstehen des anderen und vor allem dem Verstehen der eigenen Innenwelt mit allen Gedanken und Gefühlen, die zu einer Trennung dazu gehören. Diese innere Auseinandersetzung mit der eigenen inneren Welt, mit den verschiedenen Facetten der eigenen Persönlichkeit, die in dieser Situation deutlich werden, das ist vielleicht der allerwichtigste Teil für den eigenen Reifungsprozess.

Jetzt erst – auf einem soliden Fundament der inneren Klärung – kann man eine nachhaltige Entscheidung treffen. Manchmal ergibt sie sich ganz natürlich aus der vorangegangenen Arbeit. Und mit Sicherheit ist sie jetzt deutlicher und klarer und in gefühlten Kategorien auch besser bewältigbar.

Eine Trennung ist vollzogen, wenn man dem anderen die Entscheidung unwiderruflich und im direkten persönlichen Kontakt mitgeteilt hat. Jeder weiß, wie schwierig dieser Moment sein kann. Und gerade deshalb ist es wichtig, diesen Engpass nicht durch die Kommunikation mit modernen Medien zu umschiffen und sich der Situation und den eigenen Gefühlen und denen des anderen zu stellen.

Erfahrene Paar- und Beziehungsberater wissen, dass es auch hier noch ein Zögern geben kann, dem man mit folgenden Lösungen begegnen kann.

Die Beziehungspause

Jetzt oder im Laufe des Klärungsprozesses kann es immer wieder Zweifel geben, ob man die Trennung wirklich will. Und besonders im Moment der Entscheidung kann die Waage wieder in das „Für-die-Beziehung“ kippen. Der Dichter und Philosoph Khalil Gibran sagt es in diesen schönen Worten: „Erst im Moment der Trennung wird uns die Tiefe der Liebe bewusst …“
In solchen Situationen kann eine Trennung auf Zeit, also eine Beziehungspause, in der man in der Rolle des Beziehungspartners nicht für einander zur Verfügung steht, eine gute Möglichkeit sein, sich noch weiter über die Bedeutung des Partners und der Partnerschaft für das eigene Leben klar zu werden. Dabei  sollte der Kontakt auf das Allernötigste beschränkt werden, damit jeder Zeit hat, sich mit sich selbst und den eigenen Gefühlen zu beschäftigen.

Ein Neustart auf Zeit

Umgekehrt kann auch der zeitlich begrenzte Versuch, die Beziehungsdynamik auf ein neues Fundament zu stellen, eine gute Möglichkeit sein, um herauszufinden, was man wirklich will und was miteinander möglich ist.
Dieser Weg macht nur Sinn, wenn man den ursprünglichen Beziehungsvertrag (s. unter Schritt 2) gemeinsam für beendet erklärt und einen Neustart nach neuen, gemeinsam beschlossenen Regeln versucht. Man kann das als eine neue Verlobungszeit verstehen, der allerdings meistens die romantische Komponente fehlt. Zwei oder drei  Monate sind ein bewährter Zeitraum für dieses Experiment.
Der Ausgang ist offen. Manchmal gelingt es, in dieser Zeit Samenkörner  für eine gute gemeinsame Zukunft in den Boden zu bringen. Und manchmal wird man das, was man nicht mehr will, in diesem Rahmen noch einmal ganz bewusst erleben. Noch klarer zu wissen, dass man etwas so nicht will und dass man etwas Neues nicht kreieren kann, muss in diesem Zusammenhang auch als ein Erfolg im Sinne der Klärung verstanden werden. Die Trennungsentscheidung wird vielleicht leichter, weil man noch einmal erlebt hat, dass es gemeinsam wirklich nicht anders geht.

7. Die offenen Fäden aufnehmen und anbinden

Was genau die offenen Fragen sind, die gemeinsam geklärt werden müssen, ist von Lebenssituation zu Lebenssituation sehr unterschiedlich. Zur Veranschaulichung finden Sie hier einige Beispiele:

  • Dem Partner danken und das Gute nehmen
  • Respektvoll mitteilen, was einem auf dem Herzen und der Seele liegt
  • Verzeihen oder um Verzeihung bitten
  • Klären was mit dem gemeinsamen Besitz geschieht
  • Klären, welche Dinge des anderen man behält und was man zurückgeben möchte
  • Klären wie die Elternschaft gestaltet wird, wenn es gemeinsame Kinder gibt
  • Klären, was man in Zukunft noch gemeinsam machen will und wird u.a.m.

Der Königsweg besteht natürlich in einer gemeinsamen Klärung im direkten Kontakt mit dem Partner in Begleitung eines erfahrenen Paarberaters.

Wenn die gemeinsame Klärung nicht möglich ist, stellt die innere Dialog-Arbeit eine gute Möglichkeit dar, um das Wesentliche in einem therapeutischen Setting und in Begleitung eines Beraters oder Therapeuten zur Sprache zu bringen. Das geschieht, in dem man einen leeren Stuhl vor den eigenen stellt und sich vorstellt, dass der Partner, von dem man sich trennen wird, auf diesem Stuhl säße. Innerpsychisch ist es ein riesiger Unterschied, ob man bestimmte Dinge nur denkt oder ob man sie in einem geschützten Rahmen und in Begleitung eines wohlwollenden Zeugen wirklich ausspricht. Laut ausgesprochen werden die Worte wirksam!
Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang der Aspekt der Selbstverantwortung im Rahmen des Trennungsprozesses: Man kann sich gut und vollständig trennen, wenn der Partner nicht oder nur wenig kooperiert. Man braucht weder seine Gegenwart noch seine Zustimmung dazu! Die innere Dialog-Arbeit ist ein konkreter Weg der Verantwortungsübernahme und ein Weg aus der Opfer-Falle.

8. Sich verabschieden

Irgendwann ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Auch das sollte laut ausgesprochen werden.

Manchmal ist es hilfreich, ein persönliches Abschiedsritual durchzuführen. Das kann darin bestehen, etwas zu verbrennen oder sich von einem Gegenstand zu trennen, der mit viel „Bindungsenergie“ aufgeladen ist. Das klassische Beispiel ist der Ehering, der nach der Scheidung nicht mehr getragen wird. In anderen Fällen kann ein individuelles Ritual entworfen werden.

In der Paarberatung kann man den Abschied – mit Fingerspitzengefühl – auch inszenieren, in dem beide Partner aufstehen und der eine den anderen mit den Worten seiner Wahl verabschiedet. Dann kann der andere Partner langsam den Raum verlassen und die Tür hinter sich schließen. Der Abschied ist dann in Wort und Tat vollzogen. Natürlich muss diese Szene anschließend besprochen und verarbeitet werden.

Eine besondere Herausforderung ist es, dem anderen beim Hinausgehen ein glückliches Leben zu wünschen, bestenfalls mit einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin an seiner Seite. Wenn das möglich ist, darf man von einer Trennung in Liebe sprechen.
Und außerdem würde das bedeuten, dass man den Platz an der Seite dieses Mannes oder dieser Frau wirklich verlassen hat und damit der Platz für einen neuen Partner im eigenen Leben frei wird. Das kann nicht immer im ersten Schritt gelingen und manchmal braucht das Wochen und  Monate. Aber dennoch ist es wünschenswert und sollte nicht vergessen werden, denn dem anderen Glück zu wünschen, bedeutet selber frei zu werden für ein neues glückliches Leben.

Was die acht Schritte leisten können

Das, was ich hier in acht Schritten dargestellt habe, kann natürlich nicht immer so systematisch durchgeführt werden. Meistens gibt es Sprünge und Schleifen, Unterbrechungen und erneute Anläufe. Trennungsprozesse sind unordentliche Angelegenheiten und das Leben bahnt sich seinen Weg meistens wie ein mäandernder Fluss.

Um zu klären, was das Modell wirklich leisten kann, möchte ich das notwendige vom nicht-notwendigen Leid unterscheiden. Das nicht-notwendige Leid entsteht dadurch, dass wir bestimmte Dinge nicht gelernt haben und noch nicht können; das notwendige Leid gehört einfach zum Leben dazu und kann auch durch die besten Handwerkszeuge und Interventionen nicht gelindert werden. Es kann nur angenommen und gefühlt werden.

Auch wenn die Unterscheidung sicherlich fließend ist, so kann man doch sagen, dass Trennungsprozesse für viele Menschen besonders schwierig und leidvoll sind, weil das Umfeld und die eigenen Gedanken zum Thema „Trennung“ den eigentlichen Entwicklungsprozess unnötig belasten und weil es keinen legitimen und gesellschaftlich akzeptierten Weg der guten Trennung gibt.  

Die acht Schritte können helfen, mehr innere Klarheit zu gewinnen, sich im Detail über mögliche Konsequenzen klar zu werden und das nicht-notwendige Leid in großem Maße zu verringern.

----------------------------------------
Stephan W. Ludwig:
Telefon: 04543-891542
E-Mail: ludwig@integralis-akademie.de

------------------------------------------------------------------------------------

Wie Trennung gelingt

Teil 1

Ein Artikel von Stephan W. Ludwig

Über die Zutaten einer erfüllenden Partnerschaft ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Und es ist unbestritten, dass es eine hohe Kunst ist, langjährige und lebendige Beziehungen zu führen.

Und manchmal scheint es so, als ob es immer der bessere Weg wäre, zusammen zu bleiben. Vielleicht liegt das daran, dass Trennung so ein schwieriges Thema ist und es nur wenig praktische Hilfestellungen gibt, wie eine Trennung gelingen kann. Und genau dazu möchte ich heute etwas beitragen.

Unabgeschlossene Trennungsprozesse

Trennungen können viel offensichtliches oder subtiles Leid verursachen. Das hat jeder schon erlebt oder beobachtet. Als erste Orientierung möchte ich zwei Arten misslingender Trennungen unterscheiden.

Die eine zeigt sich in nicht enden wollenden Konflikten, die damit einhergehen, dass man über sehr lange Zeit im realen Kontakt oder in Gedanken mit der unabgeschlossenen Beziehung beschäftigt ist. In diesem Fall ist das Leiden offensichtlich.

Die andere, subtilere Form der misslungenen Trennung ist an der Oberfläche fast symptomfrei, also scheinbar abgeschlossen: Man versteht sich gut, aber wegen der verbleibenden innerpsychischen Bindung an den Ex-Partner findet keine Entwicklung in eine neue freudvolle Beziehungswirklichkeit statt. In diesem Fall besteht das Leid in einem fehlenden Aufbruch.

Misslungene Trennungen, also unabgeschlossene Trennungsprozesse, sind Situationen, in denen zumindest einer der Partner sich in der Ambivalenz zwischen „Noch-in-Beziehung-sein“ und „Wirklich-getrennt-sein“ eingerichtet hat. Für die Anbahnung und Gestaltung einer neuen Partnerschaft ist das ein sehr ungünstiger Zustand. Man könnte sagen, dass der Platz für einen möglichen neuen Partner noch nicht wirklich frei ist.

Ich möchte Ihnen in diesem und dem folgenden Artikel konkrete Möglichkeiten erläutern, die Ihnen bei folgenden Anliegen helfen können:

  • Chronische Konflikte mit dem Ex-Partner durch neues eigenes Verhalten zu befrieden
  • Eine Trennungsentscheidung zu überprüfen
  • Eine Trennung in Liebe vorzubereiten
  • Eine innerlich unabgeschlossene Trennung vollständig zu vollziehen

Trennungen haben einen schlechten Ruf

Schon der Wunsch nach Trennung einer langjährigen Partnerschaft hat den Beigeschmack von einem Scheitern der Liebe, von Schuld und Verrat. Dem Umgang mit Schuldgefühlen im Trennungsprozess könnte man ohne Zweifel ein eigenes Kapitel widmen. Weil der Umgang mit Schuldgefühlen aber über Selbstreflexion nur schwer zu verändern ist, sei an dieser Stelle nur angemerkt, dass offene Schuldzuweisungen oder heimliche Schuldgefühle fast immer zu den schwierigen Begleiterscheinungen eines Trennungsprozesses gehören. Manchmal wird sie endlos hin- und her geschoben, nur um nicht die volle Verantwortung für eine Trennungsentscheidung zu spüren und zu tragen.

Vielleicht ist es eine wenig anerkannte Kompetenz, für schwierige Entscheidungen die ganze Verantwortung zu übernehmen und sich in diesem Sinne auch vordergründig an einem anderen schuldig machen zu können – und gleichzeitig die eigene Integrität und Würde zu bewahren.

Es gibt gute Trennungen

Selten hört man jemanden sagen, dass eine Trennung eine gute Entscheidung ist – auch wenn man niemals weiß, wie es gekommen wäre, wenn man sich nicht getrennt hätte. Aber manchmal sind Trennungen der (einzige?) Weg in einen neuen, frischen Lebensabschnitt.

Damit sei aber nicht gesagt, dass Trennungsprozesse einfach, leicht oder schmerzfrei wären. Ganz im Gegenteil: zur Beendigung der allermeisten, bedeutsamen Beziehungen gehören Schmerz, Enttäuschung, Tränen und Trauer dazu. Und eine so weitreichende Entscheidung braucht ihre Zeit.

Manch einer wird sofort an Trennungen von Paaren mit gemeinsamen Kindern denken. Doch auch in solchen Fällen kann eine Trennung eine gute Lösung sein. Denn wer würde Kindern Eltern wünschen, die zerknirscht eine Familie stabilisieren und die Wahrheit ihres eigenen Lebens verdrängen. Was würden Kinder in solchen Familien für ihr eigenes Leben lernen?

Es gibt viel zu lernen

In den folgenden Abschnitten möchte ich Ihnen erläutern, welche Überlegungen und Schritte im Vorfeld einer Trennung helfen können, sich innere Klarheit zu verschaffen und welche Fragen im akuten Trennungsprozess beantwortet werden sollten, damit man von einer gelungenen Trennung sprechen kann. Dabei orientiere ich mich an Elementen, die sich in der professionellen Begleitung von Trennungsprozessen als hilfreich erwiesen haben.

Die einzelnen Schritte bauen aufeinander auf und ihre Abfolge folgt einer inneren Logik. Dennoch sind sie nicht immer alle gleichermaßen wirksam und manchmal führt schon die aufrichtige Beschäftigung mit einem Punkt zu positiven persönlichen Veränderungen – oder eine andere Abfolge erweist sich als sinnvoll.

Jetzt komme ich zu den einzelnen Schritten. Die ersten drei werde ich in diesem Newsletter erläutern; die fünf weiteren dann im nächsten.

1.    Wertschätzen, was gewesen ist

Wer sich in einem Trennungsprozess befindet oder über die Trennung aus einer langjährigen Partnerschaft nachdenkt, ist häufig mit den schwierigen Aspekten der Beziehung beschäftigt. Das liegt in der Natur der Sache. Die Gedanken, die man sich so ganz für sich alleine macht, neigen dazu, sich in den schwierigen Themen fest zu fräsen – und das innere Bild des Partners (Partner-Introjekt) wird wahrscheinlich mit jeder weiteren Gedankenschleife negativer. Lässt man diesem inneren Prozess freien Lauf, programmiert man in gewisser Weise schon eine Trennung, die auf Abgrenzung und Konflikt basiert.

Deshalb schlage ich vor, zu einem möglichst frühen Zeitpunkt auf eine wertschätzende Perspektive umzuschwenken. Manche Menschen lassen keine positiven Gedanken zu, weil sie unbewusst glauben, dass sie die Partnerschaft schlecht machen müssen, um „das Recht“ zu haben, sich zu trennen.

Ich empfehle Ihnen also in einem ersten Schritt, sich mit den folgenden Fragen zu beschäftigen und sich – ohne es mit irgendwelchen Konsequenzen in Verbindung zu bringen – für die eigenen ehrlichen Antworten zu öffnen.

  • Was war gut und wertvoll an dieser Partnerschaft?
  • Was habe ich früher einmal an diesem Menschen geliebt?
  • Wofür haben wir uns am Anfang zusammen getan?
  • Wofür bin ich dankbar, wenn ich an unseren gemeinsamen Weg denke?
  • Was hat mein Partner mir ermöglicht? Was hätte ich ohne ihn vielleicht niemals getan?

Es gehört zu den Grundprinzipien der Integralis® Methode, Veränderungsprozesse mit der Wertschätzung der vorausgegangenen Entwicklungen zu beginnen. Nichts in der eigenen Biografie ist nur schlecht gewesen und gerade in Beziehungen hat wahrscheinlich lange Zeit jeder sein Bestes gegeben. Darüber sollte man nicht hinweg galoppieren.

Wenn man sich von seiner Vergangenheit mit negativen Gefühlen abwendet oder gar abstößt, dann bleibt das eigene Bewusstsein in gewisser Weise verengt und angespannt, weil bestimmte Dinge „nicht wieder passieren sollen oder dürfen“. Je mehr Versöhnung mit der eigenen Geschichte stattfindet, desto entspannter schaut man in die Zukunft und desto eher fällt der Blick auf neue und erfüllende Entwicklungschancen.

„An dem, was man von sich wegschiebt,
hat man noch die Hand dran.“

2.    Verstehen, was ist

Auf den Schritt der Wertschätzung folgt das Verstehen der Entwicklungsgeschichte der aktuellen Schwierigkeiten. Dafür gibt es  verschiedene Möglichkeiten. Eine besteht darin, sich den ursprünglichen Beziehungsvertrag bewusst zu machen und zu prüfen, ob man ihn heute noch unterschreiben würde.

Der Beziehungsvertrag

Unter dem Beziehungsvertrag versteht man das, was die Partner am Beginn der Beziehung miteinander vereinbart haben, wahrscheinlich ohne dass sie jemals darüber ausdrücklich gesprochen haben. Der Beziehungsvertrag beinhaltet Vereinbarungen zu  vielen Themenbereichen, die sich normalerweise hinter den schönen Gefühlen einer beginnenden Beziehung verbergen. Warum sollte man auch darüber sprechen, wo die Vereinbarungen doch so viel von dem besagen, was am Anfang so gut zusammen passte?

Ein Beispiel für einen Beziehungsvertrag ist es, dass der eine Partner durch seine soziale Stellung dem anderen eine angesehene Position in der Gesellschaft ermöglicht. An seiner Seite. Als Gegenleistung wird ersterer vielleicht für seine Art, für seine Leistungen oder einfach für sein Sosein bewundert. Das kann eine Weile sehr gut funktionieren und daran ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil, man darf auch noch einmal wertschätzend darauf schauen, was dieser Vertrag in der Vergangenheit ermöglicht hat! Das Problem liegt darin, dass er den Beziehungspartnern nicht bewusst gewesen ist und man deshalb nicht die Möglichkeit hatte, ihn rechtzeitig zu thematisieren und u.U. gemeinsam zu verändern.

Ein anderes Beispiel: Der eine Partner liebt die Spontanität und Lebensfreude des anderen und denkt: Du machst mich und mein Leben aufregend und lebendig. Der andere genießt die Ruhe und Stabilität des Partners usw.. So kann es beginnen.

Aber Beziehungen verändern sich, weil Menschen sich entwickeln und dann andere Wünsche und Ziele haben. Manchmal möchte jemand mehr Dinge ohne den Partner unternehmen; der andere fühlt sich aber verlassen oder gar betrogen, weil im ursprünglichen Beziehungsvertrag stand, dass man alles Schöne und Neue zusammen entdeckt und erlebt. Der alte Vertrag passt nicht mehr und müsste besprochen und verändert werden.

Die Metapher „Beziehungsvertrag“ ist eine Möglichkeit über die eigene Beziehung nachzudenken und die unausgesprochen Erwartungen an die Beziehung herauszuarbeiten.

Polaritäten, die Beziehungspartner auseinander treiben

Ein anderer Zugang zur Analyse der Beziehungsdynamik ist der Blick auf die Konfliktfelder der Paarkommunikation. Sehr häufig streiten Paare über polare Werte wie z.B. „mehr Nähe und Zweisamkeit“ oder „mehr Freiheit, mehr Abenteuer“  oder „mehr Abenteuer, mehr Geld für Schönes ausgeben“ oder „mehr Sicherheit und Altersvorsorge“. Die Liste ließe sich leicht fortsetzen.

Aus meiner Erfahrung in der Paarberatung kann ich sagen, dass es sehr häufig so ist, dass sich solche Polarisierungen im Laufe einer Beziehung eher verstärken: je mehr Nähe und Geborgenheit der eine will, desto mehr Freiheit und Eigenständigkeit will der andere. Die Wünsche des einen bedrohen die Bedürfnisse des anderen.

Beziehungen ranken sich um solche Polaritäten und der Blick für das Schöne im Wunsch des anderen kann verloren gehen. Wer diesen Text liest, könnte in seiner Partnerschaft damit beginnen sich zu fragen, wo man dem eigenen Partner etwas mehr entgegen kommen könnte als bisher. Und ob das eine Entwicklungschance für die eigene Persönlichkeit sein könnte.

Das kann nämlich eine Lösung sein: die Schätze in den Wünschen des anderen wahrzunehmen, ein wenig über den eigenen Schatten zu springen und – für eine begrenzte Zeit – sich in die Welt des anderen (ver-)führen zu lassen und das miteinander zu tun, was für den anderen schön und erfüllend ist. Und sich dabei mit Gefühlen anzufreunden, die man bisher vielleicht eher vermieden hat. Vieles ist lernbar: Eigenständigkeit und Alleinsein genauso wie intensive Nähe, Loslassen und Hingabe.

Und was man davon hat? Dass man sich nicht mehr verteidigen oder zurückziehen muss, sich nicht mehr eng und gelähmt fühlt und wieder einen gesunden Einfluss auf die Beziehungsgestaltung bekommt.

3.    Erkennen, wovon man sich trennt

Der Schweizer Psychotherapeut Peter Schellenbaum hat über die Unterscheidung zwischen einer großen und einer kleinen Trennung gesprochen. Er möchte darauf hinweisen, dass man sich in der Regel von jemandem trennen möchte, weil man ein bestimmtes Verhalten des anderen nicht mehr ertragen kann oder will.

Die große Trennung ist die Trennung von einem Menschen; die kleine Trennung ist die Trennung vom Verhalten eines Menschen. Wenn es gelingt, das Verhalten zu benennen, von dem ich mich trennen möchte, kann man noch einmal neu überlegen, ob es Wege gibt, die Situation durch ein anderes eigenes Verhalten zu verändern.

Habe ich vielleicht sogar selbst etwas zu lernen? Mich zu wehren, besser Grenzen zu setzen oder klarer zu sagen, wer ich wirklich bin und was ich wirklich will? Und könnte es sein, dass dann die schwierige Beziehungssituation noch mal eine andere Bedeutung bekommt?

Und dennoch kann die Trennung meine Lösung sein. Vielleicht sage ich mir, dass ich nichts zu lernen habe oder etwas nicht lernen will. Oder ich frage mich, ob ich das, was ich zu lernen habe mit diesem Partner oder lieber mit einem neuen Partner lernen möchte.  Dabei ist es unstrittig, dass es leichter ist, mit einem neuen Partner eigene Gewohnheiten zu verändern und mit neuem Verhalten zu experimentieren als im gewohnten Umfeld. Aber noch sind wir mit dem Verstehen und Erkennen beschäftigt und nicht an dem Punkt, wo es darum geht, eine Entscheidung zu treffen.

Den zweiten und letzten Teil dieses Artikels lesen Sie im nächsten Newsletter.

----------------------------------------
Stephan W. Ludwig:
Telefon: 04543-891542
E-Mail: ludwig@integralis-akademie.de

------------------------------------------------------------------------------------