Wenn Paarbeziehung Hilfe braucht

Die erfahrenen Paartherapeuten und Mitbegründer der Integralis®-Methode, Doro Kurig und Jochen Tetzlaff, beantworten zentrale Fragen zu ihrer Beratungsarbeit mit Paaren

Doro Kurig, Jochen Tetzlaff

Warum brauchen Paare überhaupt Paartherapie*?

* Die Autoren machen keinen Unterschied zwischen den Begriffen „Paartherapie“ und „Paarberatung“ und sie verwenden beide Begriffe in diesem Artikel im Wechsel.

Doro Kurig: In einer Paarbeziehung möchten die Partner positive Dinge erleben und verwirklichen: ein lebendiges Gefühl der Zusammengehörigkeit und Nähe, Sicherheit und Verlässlichkeit, Austausch und gegenseitiges Interesse, Sinnlichkeit und Sexualität. Die Ansprüche an eine Partnerschaft sind hoch! Und immer dann, wenn es große Erwartungen gibt, sind Enttäuschungen nicht fern.

Paartherapie kann also dazu dienen, die Partnerschaft zu „entmystifizieren“ und zu lernen, mit den vorhandenen Grenzen und Schwächen in der Beziehung einen guten Umgang zu finden. Und das gelingt dann am besten, wenn die Partner sich ganz bewusst auf die stärkenden und positiven Seiten der Beziehung ausrichten!

Sich bewusst auf das Positive ausrichten!

Jochen Tetzlaff: Unserer Meinung nach ist das ein ganz wichtiger Aspekt in der Paarberatung und kann ungefähr so aussehen: „Auch wenn es nicht immer leidenschaftlich bei uns ist, sorgen wir für körperliche Nähe und Begegnung.“ Oder „Auch wenn wir immer wieder in Streit geraten, versuchen wir im Nachhinein, unsere Konflikte in Ruhe zu lösen.“  

 Paarberatung kann also Wege bahnen, den eigentlichen Beziehungswünschen wieder näher zu kommen und gleichzeitig ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz zu lernen. Mit anderen Worten: Zu akzeptieren, dass es manchmal schwierig ist und dass das auch dazu gehört.  

Wann ist der richtige Moment für eine Paartherapie?

Doro Kurig: In einer Untersuchung aus dem Jahr 2017 wurde festgestellt, dass Paare in der Regel sechs Jahre zu spät zur Paartherapie gehen. Es macht also Sinn, nicht erst „kurz vor 12“ zu einer Beratung zu gehen, sondern dann, wenn Unzufriedenheit oder Distanz beginnen im Paarleben eine spürbare Rolle spielen.

Einfach abzuwarten ist in gewisser Weise sogar gefährlich, denn – so sagt man unter Paarberatern – schlechter wird es von alleine!

Was ist das Besondere an der „Integralen Paarberatung“?

Jochen Tetzlaff: Integrale Paarberatung bezieht verschiedene Ebenen von Persönlichkeitsentwicklung in die Arbeit mit ein. Zunächst die emotionale Ebene: in einer Paarbeziehung entwickeln zwei Menschen miteinander eine komplexe „Gefühlslandschaft“. Gefühle aus dem erwachsenen Selbst mischen sich mit Gefühlen des inneren Kindes, Gefühle werden verdrängt oder unbewusst ausagiert, Gefühle von Zuneigung und Liebe können neben Gefühlen von Ärger und Frustration existieren. In der integralen Paarberatung wenden wir uns bewusst dieser Komplexität der Gefühle zu, um sie zu verstehen, zu ordnen und in miteinander darüber zu sprechen. 

In jeder Krise gibt es auch stärkende Kräfte

Doro Kurig: Ein weiterer Pfeiler der integralen Paarberatung ist der systemische Ansatz. Krisen sind häufig schon ein Versuch, eine Lösung für einen vorhandenen Konflikt zu finden.

Wir fragen: Welche „alten Verwicklungen“ haben eine Auswirkung auf die heutige Partnerschaft? Gibt es vielleicht neue Sichtweisen und Perspektiven in einer Krisensituation?  Welche freudvollen, ressourcenorientierten Wege lassen sich finden, um unterschiedliche Bedürfnisse der Partner zu befriedigen?

Die Beschäftigung mit der Sinnfrage kann zur Paarberatung gehören

Jochen Tetzlaff: Als dritten Schwerpunkt in der integralen Paarberatung kann man die Sinnfrage nennen. Oft reicht es nicht aus, sich mit der Lösung von aktuellen Beziehungsthemen zu beschäftigen.

Im Hintergrund existiert in einer Partnerschaft auch die Frage: Wie will ich wirklich leben? Welche Werte sind in einer Partnerschaft für mich existenziell? Bin ich bereit, mutig für meine Beziehungsvision zu handeln? Manchmal beißt man sich an Alltagsproblemen fest, weil über diese grundlegenden Fragen nicht miteinander gesprochen wird, obwohl sie doch eigentlich für jeden Menschen von größter Bedeutung sind. 

Kann Paartherapie auch zur Trennung führen?

Doro Kurig: Ein größerer Anteil von Paaren kommt tatsächlich erst dann zur Paartherapie, wenn Trennung zumindest gedanklich als Lösungsmöglichkeit im Raum steht. In der Paartherapie steht dann oft die Frage im Vordergrund, welche Verwicklungen es gibt, die zu einer unbefriedigenden oder leidvollen Beziehungssituation geführt haben. 

Als Paartherapeuten sehen wir unterschiedliche Szenarien. Die eine Möglichkeit ist, dass Paare aus Angst vor Verlust und Alleinsein an einer Beziehung festhalten, obwohl es keine positiven Erwartungen für die Zukunft mehr gibt. In dem Fall kann eine Paartherapie die Möglichkeit eröffnen, sich einer schmerzhaften Trennung zu stellen, damit beide Partner in der Zukunft einen positiven Raum für ihre persönliche Entwicklung eröffnen. 

Drohende Trennung mobilisiert Energie für Veränderung

Jochen Tetzlaff: Die andere Möglichkeit ist, dass eine drohende Trennung ein Paar tatsächlich mobilisiert und Energie für Veränderung freisetzt. Die Partner können sich zum Beispiel entscheiden, wieder mehr schöne Paarzeiten miteinander zu planen, neue Kommunikationsformen auszuprobieren und einen neuen, wertschätzenden Blick aufeinander zu gewinnen.

Was sind eurer Erfahrung nach die wesentlichen Themen in der Paarberatung?

Jochen Tetzlaff: Bei den Themen, mit denen Paare in unsere Paarberatung kommen, steht das Thema Kommunikation im Vordergrund. Viele Paare sehen keine Möglichkeit mehr, sich auf eine befriedigende Art und Weise auszutauschen. Daraus entstehen Rückzug, Frustration, ein Gefühl von Hilflosigkeit und emotionale Distanz.

Den Teufelskreis des Schweigens durchbrechen

Doro Kurig: Fehlende Kommunikation bewirkt fast immer, dass Erfahrungen von Nähe und Verbundenheit abnehmen. Aus dieser Enttäuschung heraus wird die Kommunikation dann noch schwieriger und ein toxischer Kreislauf entsteht, der unbedingt gestoppt werden sollte.

Auch das Thema Sexualität ist für viele Paare problematisch, wobei auch in diesem Bereich eine Kommunikation über Gefühle, Bedürfnisse und Erwartungen manchmal zum Erliegen gekommen ist. Außerdem stehen sexuelle Routinen und fehlende Initiative der Verbesserung der sexuellen Beziehung häufig im Weg.

Konkrete Schritte für mehr Gemeinsamkeit

Jochen Tetzlaff: In der Paarberatung möchten wir über ganz konkrete und machbare Schritte wieder neue, freudvolle Erfahrungsmomente - auch in der Sinnlichkeit und Sexualität - anregen. Ein Gespräch zu führen, in dem wirkliche Intimität und Offenheit möglich ist, kann z.B. in der Paarberatung gelernt werden. Und das Gefühl, tatsächlich vom anderen gehört zu werden, ist eine heilsame Erfahrung, die eine emotionale Hinwendung zum Partner auslösen kann. 

Paarberatung oder Paarseminar? Wofür sollte man sich entscheiden?

Doro Kurig: Erst einmal schließen sich diese beiden verschiedenen Wege, etwas Gutes für die Beziehung zu tun, natürlich nicht aus, aber sie unterscheiden sich auch voneinander.

Während eines Paarseminars haben zwei Menschen viel Zeit füreinander und können die Belastungen des Alltags einmal hinter sich lassen. Das allein kann eine wirklich kostbare Erfahrung sein.

Paarseminare sind eine Vitaminspritze für die Beziehung

Jochen Tetzlaff: In einem Paarseminar gibt es das Angebot, neue Begegnungsformen kennenzulernen und sich auf verschiedene Möglichkeiten der Selbsterfahrung einzulassen. Das ist ungemein inspirierend und schafft Raum für Erfahrungen, die im normalen Leben so nicht leicht zu gewinnen sind. Man kann sagen: ein Paarseminar ist wie eine Vitaminspritze, die so manche Müdigkeit oder Belastung vertreiben kann. Wir haben immer wieder von Paaren gehört, die begeistert waren, wie sich diese Energie und dieser Schwung im Alltag ausgewirkt haben.

Paarberatung ist ein Schutzraum für schwierige Gefühle und akute Krisen

Doro Kurig: In der Paarberatung gibt es einen sehr persönlichen Raum für ein Paar, in dem Beziehungsthemen in der Tiefe bearbeitet werden können. Manchmal brauchen Paare diesen Schutzraum, um sich zu öffnen und um die Zeit zu haben, negative Beziehungsmuster herauszufinden oder sich einmal zu fragen, welche Beziehungswünsche überhaupt verloren gegangen sind. Auch bei schwerwiegenden Beziehungskrisen ist eine Paarberatung meistens der richtige Weg. 

Alle Angebote in der integralen Paarberatung zielen letzten Endes darauf ab, dass beide  Partner in die Verwirklichung der eigenen Lebenswünsche und in ein größeres Vertrauen in die eigene Beziehungskompetenz hineinwachsen können.

Doro Kurig und Jochen Tetzlaff

 

Doro Kurig und Jochen Tetzlaff sind Mitbegründer der Integralis®-Methode und leiten seit 16 Jahren die Integralis®-Ausbildung im Rahmen der Integralis Akademie. Außerdem leiten sie verschiedene Weiterbildungen und Seminare für Paare. Seit 1990 haben sie eine Praxis für Einzel-und Paartherapie in Kassel.

Aktueller Tipp: Vom 15. bis 17. November 2019 findet ihr nächstes Seminar für Paare „Lebendige Liebe leben“ in der Nähe von Kassel statt.

Alle Informationen und Anmeldung hier: www.integralis-akademie.de/paarseminare.

 

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